Ausgabe 5 vom 10. Februar 2000

Supply Chain Management
Partnerschaft innerhalb der Kette ist gefragt
Eine durchgängige Lieferkette ist ein Geschäftsvorteil. Neben der Software muss aber auch die Beziehung zwischen den Unternehmen stimmen.

   Ein Wettbewerbsvorteil ist eine schöne und ziemlich seltene Sache. Fujitsu Siemens wurde trotzdem fündig – und zwar in der Lieferkette. Die Einführung einer Software zum Supply Chain Management (SCM) hat beim Computer-Hersteller »die Bestände gesenkt und den Kundenservice verbessert.« Das sagt Heinz Korbelius, IT-Manager bei Fujitsu Siemens.

   Verantwortlich für diesen Erfolg ist die SCM-Software Rhythm des US-amerikanischen Herstellers i2 Technologies. Mit der Software sollen zukünftig die logistischen Kernprozesse verbessert sowie wichtige Voraussetzungen für E-Commerce geschaffen werden, so Korbelius über die Zielsetzung des Projekts. Kunden und Partner können bereits heute über das Internet Bestellungen aufgeben und mit Order-Tracking den Stand ihrer Aufträge überprüfen. Firewalls verhindern unberechtigte Zugriffe.
»Mit SCM haben wir die Bestände gesenkt und den Kundenservice verbessert.«
Heinz Korbelius, IT-Manager bei Fujitsu Siemens

Foto: Rieder

   Rhythm von i2 erhielt den Zuschlag, weil es »zwar Tools gab, die solche Prozesse partiell unterstützten, aber durch fehlende Prozessdurchgängigkeit und Leistungsfähigkeit gekennzeichnet waren«, so Korbelius. Fujitsu Siemens legte aber gerade auf diese Punkte großen Wert. Schließlich seien vor allem sie die Erfolgsfaktoren im Supply-Chain-Management, ist der IT-Manager sicher.

   Um diese Vorgaben zu verwirklichen, übernimmt im Paderborner Produktionswerk von Fujitsu Siemens die i2-SCM-Software nicht nur die Mengen- und Produktionsplanung, sondern auch die Auftragsterminierung. Am Standort Augsburg ist das System noch nicht so weit. Rhythm erledigt dort zunächst nur die durchgängige Bedarfsplanung. Die weiteren Aufgaben sollen in den nächsten Monaten hinzukommen. Sowohl in Paderborn als auch in Augsburg wurde Rhythm eng mit der Software zum Enterprise Ressource Planning (ERP) R/3 von SAP verzahnt.

   In Zukunft sollen die Lieferanten noch enger eingebunden sein. Wegen der Zusammenführung der Computergeschäfte von Fujitsu und Siemens müssen zudem weitere Produktionsstätten angeschlossen werden. Das ist keine leichte Aufgabe. Schließlich werden verschiedene ERP-Systeme verwendet, die miteinander zusammenarbeiten sollen.

   Der Aufwand könnte sich lohnen. In einer Marktstudie untersuchte das Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) aus Aachen die Möglichkeiten von SCM: Demnach ist es in manchen Fällen möglich, den Lagerbestand um bis zu 60 Prozent zu senken. Durchlaufzeiten ließen sich um maximal 50 Prozent verkürzen. Unter dem Strich sollen Gewinnsteigerungen von bis zu 30 Prozent möglich sein – alles durch partnerschaftliche Planung und Steuerung von allen Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette. Die Zahlen mögen hoch gegriffen sein, dass sich eine Verbesserung der Abläufe innerhalb der Lieferkette auszahlt, ist aber unumstritten.

Zwei Wege zu SCM
Derzeit gibt es zwei Möglichkeiten, ein SCM-System aufzubauen. Zur Wahl stehen einmal Produkte von Anbietern, die sich auf SCM-Software spezialisiert haben. Beispiele sind Manugistics, Logility oder i2 Technologies. Zum anderen bieten ERP-Hersteller ebenfalls SCM-Funktionalität in Zusatzmodulen oder -programmen an.
Frank Mollenhauer betreut als IT-Leiter bei Kayser Automotive ein ERP-System von Infor, das auch SCM-Funktionen erfüllt.

Foto: Maag

   Die Lösungen der Spezialanbieter bestehen im Wesentlichen aus strategischen Planungssystemen und Werkzeugen zur Verbesserung der Logistik. Sie sind für die Zusammenarbeit mit bestehenden ERP-Systemen konzipiert und bieten vor allem Vorteile für standortüber greifende Netzwerke von Großunternehmen. Ersetzen können Spezialprogramme eine ERP-Software allerdings nicht. Sie lassen sich sinnvoll nur mit bereits bestehender Standard-Software betreiben.

   Verfügt ein Unternehmen bereits über ein ERP-System, lassen sich SCM-Funktionen vom gleichen Anbieter naturgemäß leichter einbinden. Allerdings sieht das FIR bei ERP-Anbietern noch Nachholbedarf, was die Technik angeht: Der aktuelle Stand für die überbetriebliche Zusammenarbeit entspräche bei vielen ERP-Herstellern noch nicht dem, was für die Umsetzung einer SCM-Strategie erforderlich sei. Die Wissenschaftler haben bei den untersuchten SCM-Programmen der ERP-Hersteller vor allem drei Probleme ausgemacht:

    1. Nur wenige Systeme besitzen eine gemeinsame Informationsbasis und eine über die klassische Lieferantenverwaltung hinausgehende Partnerverwaltung.
    2. Oft fehlt eine unternehmensübergreifende Statusverwaltung. Besonders die auftragsbezogene Abstimmung der Partner und die Zusammenarbeit der überbetrieblichen Ressourcen weist Defizite auf.
    3. Bei vielen ERP-Lösungen gibt es noch keine zufriedenstellende Internet- oder Intranet-Anbindung.

   Hier sind entweder Weiterentwicklungen oder Partnerschaften nötig. Das haben die Hersteller von ERP-Systemen begriffen. Schon im Mai letzten Jahres kaufte J.D. Edwards, immerhin einer der weltweit größten ERP-Anbieter, den Supply-Chain-Spezialisten Numetrix. IBM ging im letzten Herbst zwei SCM- und E-Commerce-Partnerschaften mit i2 und dem ERP-Hersteller QAD ein (siehe InformationWeek 20/99, Seite 8). Auch beim SCM-Projekt AutoXchange, das im November letzten Jahres in New York vorgestellt wurde, handelt es sich um ein Joint-Venture, das eine ins Internet integrierte Logistikkette zum Ziel hat. Die Partner sind Ford und Oracle. AutoXchange soll das jährliche Ford-Einkaufsvolumen von rund 80 Milliarden US-Dollar steuern. Dabei müssen die Lieferwege von mehr als 30000 Lieferanten organisiert und koordiniert werden. Oracle steuert seine Software Exchange bei, sorgt für Implementierung und Support sowie Hosting und Management. Nach Angaben von Ford sollen mit dieser Kooperation die Kosten gesenkt, die Produktivität gesteigert und der Lagerbestand bei den Händlern reduziert werden.

   Philip von Wrede vom FIR glaubt, dass auf dem SCM-Markt noch weitere Zusammenschlüsse folgen werden: »Es kommt zu Fusionen zwischen reinen SCM-Systemanbietern und ERP-Systemhäusern«, so seine Prognose. Das wäre nicht verwunderlich. Schließlich ist der Markt für die Anbieter verlockend. So sagen beispielsweise die Analysten von AMR Research dem SCM-Segment in den nächsten Jahren beträchtliche Wachstumsraten voraus. Während 1998 etwa 2,6 Milliarden US-Dollar für entsprechende Systemunterstützung ausgegeben wurde, sollen es 2000 bereits 5,8 Milliarden Dollar sein. Im Jahr 2003 sollen laut AMR Research sogar 18,6 Milliarden Dollar in SCM-Systeme investiert werden.

Für wen lohnt sich SCM?
Doch Supply Chain Management ist nicht für jedes Unternehmen sinnvoll. Sowohl Unternehmensgröße als auch Branchenzugehörigkeit sind Faktoren, die vor einem SCM-Projekt durchdacht werden sollten, gibt von Wrede zu bedenken.
So sei beispielsweise der Einsatz von SCM-Produkten für Großunternehmen sinnvoll, da die Systeme bereits innerhalb der Konzernstruktur für Verbesserungen sorgen. Große Unternehmen verfügen zudem über die notwendigen Ressourcen, die für die manchmal recht kostspielige Einführung erforderlich sind. Im Mittelstand hält der Wissenschaftler SCM nicht immer für eine sinnvolle Lösung: »Für mittlere Unternehmen sind dann Potenziale zu sehen, wenn sie einen relativ hohen Einfluss auf ihre Lieferanten und Partner haben«, so von Wrede. Dem SCM-Einsatz in kleineren Unternehmen steht er eher kritisch gegenüber. Bei kleineren Firmen gälte es oft, zunächst einmal die organisatorische Voraussetzungen für eine überbetriebliche Zusammenarbeit zu schaffen.

   Als Entscheidungskriterium ist für von Wrede selbst die Branchenzugehörigkeit von Bedeutung. Grundsätzlich böte sich SCM zwar für jeden Produktionstyp an, um die überbetriebliche Zusammenarbeit zu verbessern. »Auf Grund der festgefügten Produktions- und Logistikstrukturen liegen jedoch besondere Potenziale bei Serien- und Massenfertigern, wie beispielsweise in der Konsumgüterindustrie«, erklärt der Wissenschaftler. Auch wer es mit schnelllebigen Produkten und Lieferzeiten im Tage- oder Stundenbereich zu tun hat, solle über SCM nachdenken. Zudem sei SCM dort empfehlenswert, wo der Endkunde eine hohe Marktmacht hat, beispielsweise bei Großhandelsketten oder in der Automobilindustrie. Wenig Potenzial versprächen dagegen Branchen, die Produkte und Leistungen mit geringem Anteil an vorab planbaren Elementen herstellen, wie zum Beispiel der Anlagenbau.

SCM-Software im Überblick
Hersteller Produkt Besonderheiten Internet
Baan Supply Chain
Solutions
SCM-Produkte zur Erweiterung des ERP-Systems www.baan.com
i2 Technologies Rhythm spezielle SCM-Lösung, auch für E-Commerce www.i2.com
Logility Logility Solutions Applikationen zur Optimierung der Lieferkette www.logility.com
Manugistics Networks SCM-Applikationen mit E-Commerce-Anbindung www.manu.com
Numetrix/
J.D.Edwards
xtra Internet-Lösung für Lieferketten www.numetrix.com
Oracle Supply Chain
Management
Internet-basierte Applikation für ERP-System www.oracle.com
SAP Supply Chain
Management Solution
Management-Paket für die Logistikkette www.sap-ag.de

   Auch hinsichtlich der Integration eines SCM-Systems in eine ERP-Umgebung lohnen sich gründliche Überlegungen vor dem Projektstart. Welche Strategie bei der praktischen Umsetzung Erfolg verspricht, ist nach Ansicht des FIR abhängig von den Kundensegmenten, Produkten und Dienstleistungen des Unternehmens.

   Überhaupt ist es bei jedem Projekt zur Verbesserung und Straffung der Lieferkette sinnvoll, dass sich jedes Unternehmen zunächst einmal selbstkritisch betrachtet. Werden nämlich die eigenen Abläufe nicht beherrscht, kann die gesamte Kette, der das Unternehmen einmal angehören soll, nicht funktionieren. Die Schwachstellen sind immer wieder dieselben: Ungeordnete Verantwortlichkeiten sowie mangelnde Zusammenarbeit und Flexibilität.

   Für eine gut funktionierende Supply-Chain ist eine einheitliche Informations- und Datenbasis von großer Wichtigkeit. Die beteiligten Unternehmen müssen ihre Datenhaltung so aufeinander abstimmen, dass nicht nur im Problemfall, etwa bei Engpässen, schnell gehandelt werden kann. Für die Übertragung der Bits und Bytes bieten sich zwei Möglichkeiten an: Das Internet und Electronic Data Interchange (EDI).

   Zudem sollten die beteiligten Partner unbedingt an einem Strang ziehen. Geheimniskrämerei und mangelnde Teamfähigkeit stehen einer erfolgreichen Zusammenarbeit im Wege. Der Aufbau von Vertrauensverhältnissen und der Abbau von gegenseitigen Kontrollen sowie die flexible Ausrichtung an den unterschiedlichen Unternehmenszielen sind weitere wichtige Faktoren, die zum Gelingen einer funktionierenden Lieferkette beitragen. Gerade diese psychologische Hürde ist für viele Unternehmen nicht leicht zu nehmen. Schließlich erfordert ein erfolgversprechendes SCM-System bei allen beteiligten Unternehmen die Bereitschaft, unternehmensinterne Daten herauszugeben. Zwei Voraussetzungen sind dabei zu erfüllen: Zum einen muss generell die Bereitschaft bestehen, das Unternehmen zu öffnen und Informationen überhaupt preiszugeben. Zum anderen sollte dann auch noch ein schneller und einfacher Datenaustausch gewährleistet sein. Gerade in dieser Beziehung bauen viele Unternehmen eine unüberwindliche Mauer auf. Sicherheitsdenken und Misstrauen verbauen so oft den Weg zu einem höheren Rationalisierungspotenzial. Alteingesessenes Wettbewerbsdenken sollte zu Gunsten von Partnerschaft und Unternehmensöffnung verschwinden. Werden nämlich Vorstellungen und Ziele gemeinsam abgesteckt, ist es wahrscheinlicher, dass die beteiligten Unternehmen Gewinn aus dem SCM-Projekt ziehen.
Geheimniskrämerei und mangelnde Teamfähigkeit sind beim SCM schädlich.

   Auch der Einbecker Automobilzulieferer A. Kayser Automotive Systems nutzt eine SCM-Lösung. Das Unternehmen liefert und entwickelt hauptsächlich Filter- und Ventilsysteme für alle europäischen Automobilhersteller. Mit Hilfe des ERP-Systems Infor Automotive der Friedrichsthaler Infor AG organisiert Kayser nicht nur die gesamte Produktion, sondern auch die Lieferkette.

   Automobilhersteller zwingen durch neue Fertigungsmodelle die Zulieferer zu immer mehr Flexibilität und Komplexität in Produktion und Auslieferung der Waren. Tägliche Lieferabrufe, die stark schwanken können, prägen das Bild. Früher wurden die Daten des jeweiligen Kunden noch per Fax oder Post übermittelt und manuell im Produktionsplanungs-System (PPS) erfasst. Diese aufwendige und fehleranfällige Arbeit wird heute komplett von der EDV übernommen. Bei Kayser werden die Daten, nachdem sie per Datenfernübertragung (DFÜ) empfangen wurden, umgewandelt und automatisch an das ERP-System weitergegeben.

   Aber nicht nur mit den Kunden wird kommuniziert, auch die Zulieferer von Kayser sind in die Kette eingebunden. »Der Primärbedarf unserer Kunden wird über die Stücklisten in den Bruttobedarf heruntergebrochen«, so Frank Mollenhauer, Leiter EDV und Organisation bei Kayser. »Unter Einbeziehung der Lagerbestände wird der Nettobedarf dann an die eigenen Zulieferer weitergereicht. Dabei wird sogar die Beschaffungszeit berücksichtigt«, berichtet Mollenhauer. Die Vorteile sind klar: Durch die schnellere Bearbeitung der Aufträge und die gewonnene Flexibilität senkt Kayser seine Lagerhaltungskosten, steigert seine Produktivität und verbessert den Kundenservice.

   Auch das Beispiel Kayser zeigt: Durch eine Software-gesteuerte Organisation der Lieferkette können Geschäftsvorteile entstehen. Allerdings besteht ein erfolgreiches SCM-System nicht nur aus einem funktionierenden Programm. Auch Misstrauen und Argwohn können ein SCM-Systems ausbremsen.
Eduard Rüsing/Joachim G. Maag/ow

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