Supply Chain
Management Partnerschaft innerhalb der Kette ist
gefragt Eine durchgängige Lieferkette ist
ein Geschäftsvorteil. Neben der Software muss aber auch
die Beziehung zwischen den Unternehmen
stimmen.
Ein Wettbewerbsvorteil ist eine
schöne und ziemlich seltene Sache. Fujitsu Siemens wurde
trotzdem fündig – und zwar in der Lieferkette. Die
Einführung einer Software zum Supply Chain Management
(SCM) hat beim Computer-Hersteller »die Bestände gesenkt
und den Kundenservice verbessert.« Das sagt Heinz
Korbelius, IT-Manager bei Fujitsu Siemens.
Verantwortlich für diesen Erfolg ist
die SCM-Software Rhythm des US-amerikanischen
Herstellers i2 Technologies. Mit der Software sollen
zukünftig die logistischen Kernprozesse verbessert sowie
wichtige Voraussetzungen für E-Commerce geschaffen
werden, so Korbelius über die Zielsetzung des Projekts.
Kunden und Partner können bereits heute über das
Internet Bestellungen aufgeben und mit Order-Tracking
den Stand ihrer Aufträge überprüfen. Firewalls
verhindern unberechtigte Zugriffe.
 |
»Mit SCM haben wir die Bestände gesenkt und
den Kundenservice verbessert.« Heinz Korbelius,
IT-Manager bei Fujitsu Siemens
Foto:
Rieder |
Rhythm von i2 erhielt den Zuschlag,
weil es »zwar Tools gab, die solche Prozesse partiell
unterstützten, aber durch fehlende
Prozessdurchgängigkeit und Leistungsfähigkeit
gekennzeichnet waren«, so Korbelius. Fujitsu Siemens
legte aber gerade auf diese Punkte großen Wert.
Schließlich seien vor allem sie die Erfolgsfaktoren im
Supply-Chain-Management, ist der IT-Manager
sicher.
Um diese Vorgaben zu verwirklichen,
übernimmt im Paderborner Produktionswerk von Fujitsu
Siemens die i2-SCM-Software nicht nur die Mengen- und
Produktionsplanung, sondern auch die
Auftragsterminierung. Am Standort Augsburg ist das
System noch nicht so weit. Rhythm erledigt dort zunächst
nur die durchgängige Bedarfsplanung. Die weiteren
Aufgaben sollen in den nächsten Monaten hinzukommen.
Sowohl in Paderborn als auch in Augsburg wurde Rhythm
eng mit der Software zum Enterprise Ressource Planning
(ERP) R/3 von SAP verzahnt.
In Zukunft sollen die Lieferanten
noch enger eingebunden sein. Wegen der Zusammenführung
der Computergeschäfte von Fujitsu und Siemens müssen
zudem weitere Produktionsstätten angeschlossen werden.
Das ist keine leichte Aufgabe. Schließlich werden
verschiedene ERP-Systeme verwendet, die miteinander
zusammenarbeiten sollen.
Der Aufwand könnte sich lohnen. In
einer Marktstudie untersuchte das Forschungsinstitut für
Rationalisierung (FIR) aus Aachen die Möglichkeiten von
SCM: Demnach ist es in manchen Fällen möglich, den
Lagerbestand um bis zu 60 Prozent zu senken.
Durchlaufzeiten ließen sich um maximal 50 Prozent
verkürzen. Unter dem Strich sollen Gewinnsteigerungen
von bis zu 30 Prozent möglich sein – alles durch
partnerschaftliche Planung und Steuerung von allen
Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette. Die Zahlen
mögen hoch gegriffen sein, dass sich eine Verbesserung
der Abläufe innerhalb der Lieferkette auszahlt, ist aber
unumstritten.
Zwei Wege zu SCM Derzeit gibt es zwei Möglichkeiten,
ein SCM-System aufzubauen. Zur Wahl stehen einmal
Produkte von Anbietern, die sich auf SCM-Software
spezialisiert haben. Beispiele sind Manugistics,
Logility oder i2 Technologies. Zum anderen bieten
ERP-Hersteller ebenfalls SCM-Funktionalität in
Zusatzmodulen oder -programmen an.
 |
Frank Mollenhauer betreut als IT-Leiter bei
Kayser Automotive ein ERP-System von Infor, das
auch SCM-Funktionen erfüllt.
Foto:
Maag |
Die Lösungen der Spezialanbieter
bestehen im Wesentlichen aus strategischen
Planungssystemen und Werkzeugen zur Verbesserung der
Logistik. Sie sind für die Zusammenarbeit mit
bestehenden ERP-Systemen konzipiert und bieten vor allem
Vorteile für standortüber greifende Netzwerke von
Großunternehmen. Ersetzen können Spezialprogramme eine
ERP-Software allerdings nicht. Sie lassen sich sinnvoll
nur mit bereits bestehender Standard-Software
betreiben.
Verfügt ein Unternehmen bereits über
ein ERP-System, lassen sich SCM-Funktionen vom gleichen
Anbieter naturgemäß leichter einbinden. Allerdings sieht
das FIR bei ERP-Anbietern noch Nachholbedarf, was die
Technik angeht: Der aktuelle Stand für die
überbetriebliche Zusammenarbeit entspräche bei vielen
ERP-Herstellern noch nicht dem, was für die Umsetzung
einer SCM-Strategie erforderlich sei. Die
Wissenschaftler haben bei den untersuchten
SCM-Programmen der ERP-Hersteller vor allem drei
Probleme ausgemacht:
1. Nur wenige Systeme besitzen eine
gemeinsame Informationsbasis und eine über die
klassische Lieferantenverwaltung hinausgehende
Partnerverwaltung. 2. Oft fehlt eine
unternehmensübergreifende Statusverwaltung. Besonders
die auftragsbezogene Abstimmung der Partner und die
Zusammenarbeit der überbetrieblichen Ressourcen weist
Defizite auf. 3. Bei vielen ERP-Lösungen gibt es
noch keine zufriedenstellende Internet- oder
Intranet-Anbindung.
Hier sind entweder
Weiterentwicklungen oder Partnerschaften nötig. Das
haben die Hersteller von ERP-Systemen begriffen. Schon
im Mai letzten Jahres kaufte J.D. Edwards, immerhin
einer der weltweit größten ERP-Anbieter, den
Supply-Chain-Spezialisten Numetrix. IBM ging im letzten
Herbst zwei SCM- und E-Commerce-Partnerschaften mit i2
und dem ERP-Hersteller QAD ein (siehe InformationWeek
20/99, Seite 8). Auch beim SCM-Projekt AutoXchange, das
im November letzten Jahres in New York vorgestellt
wurde, handelt es sich um ein Joint-Venture, das eine
ins Internet integrierte Logistikkette zum Ziel hat. Die
Partner sind Ford und Oracle. AutoXchange soll das
jährliche Ford-Einkaufsvolumen von rund 80 Milliarden
US-Dollar steuern. Dabei müssen die Lieferwege von mehr
als 30000 Lieferanten organisiert und koordiniert
werden. Oracle steuert seine Software Exchange bei,
sorgt für Implementierung und Support sowie Hosting und
Management. Nach Angaben von Ford sollen mit dieser
Kooperation die Kosten gesenkt, die Produktivität
gesteigert und der Lagerbestand bei den Händlern
reduziert werden.
Philip von Wrede vom FIR glaubt, dass
auf dem SCM-Markt noch weitere Zusammenschlüsse folgen
werden: »Es kommt zu Fusionen zwischen reinen
SCM-Systemanbietern und ERP-Systemhäusern«, so seine
Prognose. Das wäre nicht verwunderlich. Schließlich ist
der Markt für die Anbieter verlockend. So sagen
beispielsweise die Analysten von AMR Research dem
SCM-Segment in den nächsten Jahren beträchtliche
Wachstumsraten voraus. Während 1998 etwa 2,6 Milliarden
US-Dollar für entsprechende Systemunterstützung
ausgegeben wurde, sollen es 2000 bereits 5,8 Milliarden
Dollar sein. Im Jahr 2003 sollen laut AMR Research sogar
18,6 Milliarden Dollar in SCM-Systeme investiert
werden.
Für wen lohnt sich
SCM? Doch Supply Chain Management ist
nicht für jedes Unternehmen sinnvoll. Sowohl
Unternehmensgröße als auch Branchenzugehörigkeit sind
Faktoren, die vor einem SCM-Projekt durchdacht werden
sollten, gibt von Wrede zu bedenken. So sei
beispielsweise der Einsatz von SCM-Produkten für
Großunternehmen sinnvoll, da die Systeme bereits
innerhalb der Konzernstruktur für Verbesserungen sorgen.
Große Unternehmen verfügen zudem über die notwendigen
Ressourcen, die für die manchmal recht kostspielige
Einführung erforderlich sind. Im Mittelstand hält der
Wissenschaftler SCM nicht immer für eine sinnvolle
Lösung: »Für mittlere Unternehmen sind dann Potenziale
zu sehen, wenn sie einen relativ hohen Einfluss auf ihre
Lieferanten und Partner haben«, so von Wrede. Dem
SCM-Einsatz in kleineren Unternehmen steht er eher
kritisch gegenüber. Bei kleineren Firmen gälte es oft,
zunächst einmal die organisatorische Voraussetzungen für
eine überbetriebliche Zusammenarbeit zu
schaffen.
Als Entscheidungskriterium ist für
von Wrede selbst die Branchenzugehörigkeit von
Bedeutung. Grundsätzlich böte sich SCM zwar für jeden
Produktionstyp an, um die überbetriebliche
Zusammenarbeit zu verbessern. »Auf Grund der
festgefügten Produktions- und Logistikstrukturen liegen
jedoch besondere Potenziale bei Serien- und
Massenfertigern, wie beispielsweise in der
Konsumgüterindustrie«, erklärt der Wissenschaftler. Auch
wer es mit schnelllebigen Produkten und Lieferzeiten im
Tage- oder Stundenbereich zu tun hat, solle über SCM
nachdenken. Zudem sei SCM dort empfehlenswert, wo der
Endkunde eine hohe Marktmacht hat, beispielsweise bei
Großhandelsketten oder in der Automobilindustrie. Wenig
Potenzial versprächen dagegen Branchen, die Produkte und
Leistungen mit geringem Anteil an vorab planbaren
Elementen herstellen, wie zum Beispiel der
Anlagenbau.
| SCM-Software im
Überblick |
| Hersteller |
Produkt |
Besonderheiten |
Internet |
| Baan |
Supply Chain Solutions |
SCM-Produkte zur Erweiterung des
ERP-Systems |
www.baan.com |
| i2 Technologies |
Rhythm |
spezielle SCM-Lösung, auch für
E-Commerce |
www.i2.com |
| Logility |
Logility Solutions |
Applikationen zur Optimierung der
Lieferkette |
www.logility.com |
| Manugistics |
Networks |
SCM-Applikationen mit
E-Commerce-Anbindung |
www.manu.com |
Numetrix/ J.D.Edwards |
xtra |
Internet-Lösung für Lieferketten |
www.numetrix.com |
| Oracle |
Supply Chain Management |
Internet-basierte Applikation für
ERP-System |
www.oracle.com |
| SAP |
Supply Chain Management
Solution |
Management-Paket für die
Logistikkette |
www.sap-ag.de |
Auch hinsichtlich der Integration
eines SCM-Systems in eine ERP-Umgebung lohnen sich
gründliche Überlegungen vor dem Projektstart. Welche
Strategie bei der praktischen Umsetzung Erfolg
verspricht, ist nach Ansicht des FIR abhängig von den
Kundensegmenten, Produkten und Dienstleistungen des
Unternehmens.
Überhaupt ist es bei jedem Projekt
zur Verbesserung und Straffung der Lieferkette sinnvoll,
dass sich jedes Unternehmen zunächst einmal
selbstkritisch betrachtet. Werden nämlich die eigenen
Abläufe nicht beherrscht, kann die gesamte Kette, der
das Unternehmen einmal angehören soll, nicht
funktionieren. Die Schwachstellen sind immer wieder
dieselben: Ungeordnete Verantwortlichkeiten sowie
mangelnde Zusammenarbeit und Flexibilität.
Für eine gut funktionierende
Supply-Chain ist eine einheitliche Informations- und
Datenbasis von großer Wichtigkeit. Die beteiligten
Unternehmen müssen ihre Datenhaltung so aufeinander
abstimmen, dass nicht nur im Problemfall, etwa bei
Engpässen, schnell gehandelt werden kann. Für die
Übertragung der Bits und Bytes bieten sich zwei
Möglichkeiten an: Das Internet und Electronic Data
Interchange (EDI).
Zudem sollten die beteiligten Partner
unbedingt an einem Strang ziehen. Geheimniskrämerei und
mangelnde Teamfähigkeit stehen einer erfolgreichen
Zusammenarbeit im Wege. Der Aufbau von
Vertrauensverhältnissen und der Abbau von gegenseitigen
Kontrollen sowie die flexible Ausrichtung an den
unterschiedlichen Unternehmenszielen sind weitere
wichtige Faktoren, die zum Gelingen einer
funktionierenden Lieferkette beitragen. Gerade diese
psychologische Hürde ist für viele Unternehmen nicht
leicht zu nehmen. Schließlich erfordert ein
erfolgversprechendes SCM-System bei allen beteiligten
Unternehmen die Bereitschaft, unternehmensinterne Daten
herauszugeben. Zwei Voraussetzungen sind dabei zu
erfüllen: Zum einen muss generell die Bereitschaft
bestehen, das Unternehmen zu öffnen und Informationen
überhaupt preiszugeben. Zum anderen sollte dann auch
noch ein schneller und einfacher Datenaustausch
gewährleistet sein. Gerade in dieser Beziehung bauen
viele Unternehmen eine unüberwindliche Mauer auf.
Sicherheitsdenken und Misstrauen verbauen so oft den Weg
zu einem höheren Rationalisierungspotenzial.
Alteingesessenes Wettbewerbsdenken sollte zu Gunsten von
Partnerschaft und Unternehmensöffnung verschwinden.
Werden nämlich Vorstellungen und Ziele gemeinsam
abgesteckt, ist es wahrscheinlicher, dass die
beteiligten Unternehmen Gewinn aus dem SCM-Projekt
ziehen.
|
Geheimniskrämerei und mangelnde
Teamfähigkeit sind beim SCM
schädlich. |
Auch der Einbecker
Automobilzulieferer A. Kayser Automotive Systems nutzt
eine SCM-Lösung. Das Unternehmen liefert und entwickelt
hauptsächlich Filter- und Ventilsysteme für alle
europäischen Automobilhersteller. Mit Hilfe des
ERP-Systems Infor Automotive der Friedrichsthaler Infor
AG organisiert Kayser nicht nur die gesamte Produktion,
sondern auch die Lieferkette.
Automobilhersteller zwingen durch
neue Fertigungsmodelle die Zulieferer zu immer mehr
Flexibilität und Komplexität in Produktion und
Auslieferung der Waren. Tägliche Lieferabrufe, die stark
schwanken können, prägen das Bild. Früher wurden die
Daten des jeweiligen Kunden noch per Fax oder Post
übermittelt und manuell im Produktionsplanungs-System
(PPS) erfasst. Diese aufwendige und fehleranfällige
Arbeit wird heute komplett von der EDV übernommen. Bei
Kayser werden die Daten, nachdem sie per
Datenfernübertragung (DFÜ) empfangen wurden, umgewandelt
und automatisch an das ERP-System
weitergegeben.
Aber nicht nur mit den Kunden wird
kommuniziert, auch die Zulieferer von Kayser sind in die
Kette eingebunden. »Der Primärbedarf unserer Kunden wird
über die Stücklisten in den Bruttobedarf
heruntergebrochen«, so Frank Mollenhauer, Leiter EDV und
Organisation bei Kayser. »Unter Einbeziehung der
Lagerbestände wird der Nettobedarf dann an die eigenen
Zulieferer weitergereicht. Dabei wird sogar die
Beschaffungszeit berücksichtigt«, berichtet Mollenhauer.
Die Vorteile sind klar: Durch die schnellere Bearbeitung
der Aufträge und die gewonnene Flexibilität senkt Kayser
seine Lagerhaltungskosten, steigert seine Produktivität
und verbessert den Kundenservice.
Auch das Beispiel Kayser zeigt: Durch
eine Software-gesteuerte Organisation der Lieferkette
können Geschäftsvorteile entstehen. Allerdings besteht
ein erfolgreiches SCM-System nicht nur aus einem
funktionierenden Programm. Auch Misstrauen und Argwohn
können ein SCM-Systems ausbremsen. Eduard
Rüsing/Joachim G. Maag/ow
ow
|