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| COMPUTERWOCHE Nr. 42 vom 20.10.2000
Seite 26 |
Software |
E-Business ist Chance und Risiko
zugleich
ERP hat Zukunft als flexibles
Projekt-Management-System ERP-Anbieter
stehen unter Druck. Sie müssen ihre Applikationen für
E-Business und Collaborative Commerce ausbauen, denn mit
klassischen Buchhaltungs- und Produktions-Systemen lässt
sich heute kein Blumentopf mehr gewinnen. Von Frank Schiewer*
Der
Markt für Enterprise-Ressource-Planning-(ERP-)Systeme
stagniert. Neugeschäft lässt sich fast gar nicht mehr
erzielen. Bei vielen Anbietern sinken die Lizenzumsätze.
Glaubt man der Gartner Group, so laufen spätestens 2004
nur noch 40 Prozent der Business-Anwendungen im
ERP-Bereich. Für die nächsten vier Jahre, so Gartner,
sei eine Transformationsphase in allen
Anwenderunternehmen zu erwarten, an deren Ende sich der
Collaborative (C-)Commerce etabliert habe.
Bemerkenswert daran ist, dass alle Unternehmen
betroffen sein werden. Also nicht nur die Startups und
Dotcoms der New Economy, sondern ebenso Vertreter der
Old Economy. Auch deren Geschäft dezentralisiert sich
und läuft immer stärker in Form von
dienstleistungsintensiven Projekten ab.
Auslöser
für diesen Umbruch ist das Internet und die damit
verbundene Perspektive, Geschäftsprozesse aller
Marktteilnehmer miteinander zu verknüpfen: Mittels
virtueller Marktplätze arbeiten künftig Mitarbeiter,
Kunden, Lieferanten und Anteilseigner zusammen. Dafür
sind IT-Lösungen nötig, in die sich die
unterschiedlichen Systeme ohne Brüche integrieren
lassen. Erst dann können interaktive Marktplätze
geschaffen werden. Anwendungen für
Customer-Relationship-Management, E-Procurement und
Supply-Chain-Management stehen dabei ebenso im
Brennpunkt des Interesses wie Applikationen die Service-
und Instandhaltungs-Prozesse unterstützen. Hier ergeben
sich für die klassischen ERP-Anbieter wiederum Chancen,
auch beim Collaborative Commerce mitmischen zu können
und damit die eigene Lebensdauer zu verlängern. Denn
schlagkräftige Marktplätze verlangen eine ganzheitliche
Architektur. Hier sind es gerade die unternehmensweiten
ERP-Lösungen, die sich auf Basis ihrer breiten
Back-Office-Funktionen und ihrer weiten Verbreitung als
Rückgrat für C-Commerce anbieten.
Doch diese
neue Rolle fällt den Softwarehäusern keineswegs in den
Schoß: Um sich zu einer offenen und flexiblen
B-to-B-Plattform zu mausern, müssen ERP-Systeme ihre
jahrzehntelang gepflegte, nach innen gerichtete
Produktions- und Logistikorientierung überwinden. Mit
der bisherigen Sicht auf eher statische Stücklisten und
auf die daran geknüpfte Materialbedarfsplanung (MRP)
lässt sich im C-Commerce kein Kunde mehr gewinnen.
Um zu verstehen, weshalb die klassische
ERP-Philosophie zu kurz greift, lohnt ein kurzer Blick
darauf, wohin sich die Geschäftswelt im B-to-B-Zeitalter
entwickelt: Im Übergang von der Industrie- in die
Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft entstehen
Geschäftsmodelle, die sich nicht mehr an fest
definierten Produkten orientieren. Vielmehr laufen
Geschäfte immer stärker in Form von Projekten ab, in
denen der Dienstleistungs- gegenüber dem
Produktionsanteil die Oberhand gewinnt.
Wer
kauft heute noch einen Gabelstapler?Vor allem
Betreibermodelle zeigen, wo die Reise hingeht: Wer kauft
heutzutage zum Beispiel noch einen Gabelstapler? Statt
dessen gehen Unternehmen dazu über, genau zu definieren,
welche Transportleistung sie wann und wo brauchen.
Anschließend überlassen sie es den Produzenten oder auch
Dritten, diese Leistungen zu erbringen. Auf diesem Weg
werden Kundenbeziehungen zu mittel- bis längerfristigen
Projekten. Zu Projekten, in die Produkte und Services
prozessorientiert eingebunden werden.
Dabei
besteht die Aufgabe der B-to-B-Software darin, die
kompletten Lebenszyklen dieser Projekte zu managen, was
weit mehr ist als Stücklisten à la MRP abzuarbeiten.
Hier geht es darum, die unterschiedlichen Lebenszyklen
der Kundenkontakte, der Dienstleistungen und der
Produkte miteinander zu synchronisieren. Deshalb ist ein
ganzheitliches Projekt-Management gefragt, das sämtliche
Bezugsgruppen eines Unternehmens auf einer einzigen
Informationsplattform miteinander kommunizieren lässt.
Hierzu gehören Kunden, Partner und Zulieferer ebenso wie
Investoren, Analysten und Interessenten. Alle sind ihren
jeweiligen Rollen und Bedürfnissen entsprechend in die
Geschäftsprozesse einzubinden. So entsteht Collaborative
Commerce.
Der Anspruch, Projektlebenszyklen
tatsächlich so prozessorientiert, zeitnah und
rollenbasiert, wie beschrieben, steuern zu können, steht
und fällt mit dem Maß, wie die Back-Office-Systeme der
beteiligten Unternehmen mit den Marktplätzen verzahnt
sind. So ist ein Web-gestützter Produktkonfigurator nur
dann sinnvoll, wenn der Verkäufer noch im Kundengespräch
sagen kann, wann das gemeinsam mit dem Kunden
ausgearbeitete Angebot zu welchen Kosten geliefert
werden kann. Ist er dazu nicht in der Lage, sind die
Back-Office-Abläufe nicht integriert.
Hier
schlägt die Stunde der ERP-Systeme. Schließlich sind
Back Office-Prozesse die Domäne des Enterprise Ressource
Planning. Ob sie ihre Chance nutzen und dem C-Commerce
ein Zuhause geben oder ob sie als IT-Dinosaurier in den
unendlichen Tiefen des Internets verschwinden, werden
die kommenden Jahre zeigen. An fehlendem Marktpotenzial
mangelt es jedenfalls nicht. Aus Sicht der Analysten von
AMR Research bleibt der gesamte Markt für
geschäftskritische Software auch in Zukunft ein Big
Business: So prophezeien die AMR-Auguren ein Wachstum
von derzeit 27 Milliarden Dollar auf 78 Milliarden
Dollar im Jahre 2004, was einem jährlichen Zuwachs von
24 Prozent entspricht. Hierbei soll jedoch der
Löwenanteil auf die emporstrebenden Anbieter von CRM-,
SCM- oder E-Business-Systemen fallen. Den klassischen
ERP-Häusern traut AMR gerade einmal ein Wachstum von
fünf Prozent per annum zu. Doch der Gesamtkuchen ist
nicht klein und die Anbieter von ERP-Lösungen können
sich durchaus ein großes Stück davon sichern.
Voraussetzung ist jedoch, dass sie ihre Produkte für ein
prozessorientiertes Projekt-Management ausbauen.
*Frank Schiewer ist Geschäftsführer von IFS
Deutschland.
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