Grundzüge der Wirtschaftspolitik

Projekte

 

Keynes und Keynesianismus (gekürzte Fassung) - Einleitung

 

Teilnehmer der Projektarbeit

 

Michaela Eisgeth

Marcus Sopicki

 

Wir haben Keynes zum Thema unserer Projektarbeit gewählt, weil Keynes einer der größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts ist. Er hat außerdem maßgeblich die weltwirtschaftliche Entwicklung geprägt und die damalige ökonomische Denkweise revolutioniert. Interessiert hat uns besonders, was sich hinter der Persönlichkeit Keynes verbirgt und was für ein Mensch er gewesen ist. Wir wollten neben der keynesianischen Lehre auch sein Leben erforschen und nicht nur die ökonomische Seite betrachten. Dazu haben wir uns aus der Fachbereichsbibliothek Literatur zum Thema besorgt. Die Schwierigkeit bestand darin, aus der Vielfalt der relevanten Bücher einige wenige geeignete auszusuchen. Ziel des Projekts war, einen komprimierten Überblick über sein Leben und seine Lehre (Keynesianismus) zu geben. Eine tiefergehende Arbeit hätte mehrere Bücher ausgefüllt, weshalb wir uns auf einige wenige Punkte beschränken mußten.

 

Einige Stationen im Leben von Keynes

 

Keynes wird am 5. Juni 1883 in Cambridge geboren. Schüler am Eton College (1897). Student am King’s College (1902) [Keynes studiert Mathematik; wechselt 1905 zu Nationalökonomie]. Arbeitsstelle im "Indien-Ministerium" in London. Keynes’ Lehrer Alfred Marshall stellt Keynes als Dozent an. Ebenso sein Nachfolger Arthur Cecil Pigou. Mitglied des Lehrkörpers des King’s College in Cambridge (ab 1909). Herausgeber des "Economic Journal" (1911 - 1945). Sekretär der Royal Economic Society (1913 - 1945). "Indian currency and finance" (1913). Keynes übernimmt einen Posten im Schatzamt (Finanzministerium) und ist dadurch automatisch vom Kriegsdienst befreit. Er leitet als Berater des britischen Schatzamtes deren Delegation auf der Friedenskonferenz von Versailles (Januar 1919). "The economic consequences of the peace" (1919) [Keynes hält die Reparationsforderungen für nicht vertretbar]. Keynes leitet eine Versicherung, gründet ein Theater und rettet 2 Ballett-Truppen vor der Auflösung. Keynes verliebt sich in die Ballerina Lydia Lopokowa. "Treatise on probability" (1921). "A revision of the treaty" (1922) [Keynes fordert eine Revision der Versailler Verträge]. "Tract on monetary reform" (1923). Keynes heiratet Lydia Lopokowa (1925). "The end of laissez-faire" (1926). "Schwarzer Freitag" in New York (25.10.1929) [Börsenkrach]. Führende Ökonomen fordern einen Sparkurs; Keynes hingegen fordert eine Neuverschuldung des Staates, um Arbeitsplätze zu schaffen. Neu war, daß der Staat eingreifen sollte. "A treatise on money" (1930). "Essays in persuasion" (1931). Franklin D. Roosevelt wird amerikanischer Präsident und beschließt die damalige Arbeitslosenquote von 20% mit keynesschen Methoden (z. B. Staatsverschuldung) zu senken, jedoch ohne die Reformen theoretisch begründen zu können. Er war, ohne es zu wissen, ein Keynesianer (1933). Keynes hält im Weißen Haus einen Vortrag. Die Berater haben gut zugehört und anschließend geht es mit der amerikanischen Wirtschaft bergauf (1934). "The general theory of employment, interest and money" (1936). Keynes hat seinen ersten Herzanfall (1937). "How to pay for the war" (1940) [Plan von Keynes zur Kriegsfinanzierung]. Berater der britischen Regierung im 2. Weltkrieg (1939 - 1945). Keynes wird Direktor der Bank von England und Vorsitzender des "Komitees für die Förderung von Musik und Kunst". König Georg VI. erhebt Keynes in den Adelsstand: "John Maynard Lord Keynes of Tilton" (1942). "Proposals for an international clearing union" (1943) [Plan für eine internationale Währungsordnung]. Keynes vertritt England auf der Währungskonferenz in Bretton Woods (USA), wo die Finanzpolitik der Nachkriegszeit festgelegt werden sollte (1944). Er stirbt am 21. April 1946 an einem Herzversagen in London. Die "Times", die ihn zuvor scharf kritisiert hatte, schreibt in einem Nachruf: "Das Land hat einen großen Engländer verloren".

 

Keynesianismus

 

Keynes hebt in seiner Theorie alle wesentlichen Grundannahmen der Neoklassik auf:

Die Markträumungsannahme wird durch die Mengenungleichgewichte und Instabilitätstendenzen ersetzt

Das Maximierungsverhalten der Konsumenten wird durch psychologische Annahmen ergänzt:

Die Annahme der vollständigen Konkurrenz wird aufgehoben und ersetzt durch die Prämisse des unvollkommenen Wettbewerbs, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt

Vollständige Voraussicht (Sicherheit) wird durch Unsicherheit ersetzt. Insbesondere die Selbststabilisierung des Marktes ("invisible hand") existiert bei Keynes nicht mehr. Er geht stattdessen davon aus, daß eine Steuerungsnotwendigkeit besteht. Dies geschieht hauptsächlich durch die Beeinflussung der Gesamtnachfrage und damit des Investorenverhaltens. Er geht von einem Multiplikatoreffekt aus, der nach der Vergabe von staatlichen Aufträgen die privaten Investoren anregen soll, ebenfalls Aufträge zu vergeben, um dadurch die Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Keynes hält es im Gegensatz zu den Neoklassikern für möglich, daß ein Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung existiert, da auf dem Arbeitsmarkt Lohnstarrheit vorkommen kann. Zur näheren Beschreibung dient das IS-LM-Modell (siehe Makroökonomie im Grundstudium). Unsicherheit ist eine entscheidende Ursache für ökonomische Probleme wie Instabilitäten und dauerhafte Unterbeschäftigung. Mit der Annahme der Unsicherheit wird auch die Gleichgewichtstheorie der Neoklassik in Frage gestellt. Keynes wollte die Basis für die Erklärung tatsächlicher, sozial relevanter Entwicklungsprozesse in einer komplexen und sich ständig ändernden Welt erarbeiten. Diese Zielsetzung ließ sich nur im Rahmen einer dynamischen historischen Theorie erreichen. Keynes forderte eine antizyklische Konjunkturpolitik, wobei der Staat eine tragende Rolle übernehmen sollte. Er soll nach der Meinung von Keynes die ungenügende effektive Nachfrage der Privaten, wenn notwendig auch durch Haushaltsdefizite ("deficit spending"), ausgleichen. Damit sollte die Depression bekämft werden und der Konjunkturverlauf geglättet werden. Wegen der fehlenden endogenen Stabilisierungsmechanismen besteht nach Keynes eine Steuerungsnotwendigkeit durch Geld- und Fiskalpolitik. Das destabilisierende Investorenverhalten sieht Keynes als Ursache für die Instabilitäten an und erkennt daraufhin die Möglichkeit eines direkten staatlichen Engagements bei der Investitionsplanung, die seiner Meinung nach größere Erfolgschancen hat als eine Investitionsstimulierung durch Zinspolitik (® "Zinsfalle")

 

Kritik am Keynesianismus

 

Der "Crowding-out"-Effekt tritt dann ein, wenn die private Nachfrage von zusätzlicher staatlicher Nachfrage zurückgedrängt wird. Außerdem rechnen die Bevölkerung und die Unternehmen bei steigender Staatsverschuldung mit Steuererhöhungen. Gegner des Keynesianismus behaupten, daß die staatlichen Anreize nur vorübergehende Wirkung haben und nicht als Multiplikator wirken. Die Produktion und die Beschäftigung würden wieder auf den ursprünglichen Stand zurückgehen. Hinzu kommt noch, daß ganze Unternehmen teilweise oder ganz von den Staatsaufträgen abhängig werden ("Strohfeuerargument"). Das Problem an der antizyklischen Konjunkturpolitik ist die Zeitspanne zwischen der Erkennung der Konjunkturphase und der Wirkung der konjunkturpolitischen Maßnahme, die bis zu 2 Jahre andauern kann ("time-lag"). Dabei leuchtet ein, daß bei einer derartigen Verzögerung die Wirkung nicht unbedingt antizyklisch, sondern stattdessen eher prozyklisch wirkt. Die Staatsverschuldung soll nach Keynes in der Boomphase durch höhere Steuereinnahmen reduziert werden, um so wieder ein Gleichgewicht zu erzielen. Da hier ebenfalls die Regierung die Boomphase zu spät erkennt (ohne ihr Unfähigkeit zu unterstellen), verpaßt sie die Gelegenheit die Boomphase steuerlich auszunutzen und erhöht stattdessen erst in der kommenden Rezession die Steuern und wirkt damit erneut prozyklisch.

 

Auswirkungen der keynesianischen Lehre

 

Als Folge des Stabilitätsgesetzes wurde in Deutschland ab 1967 zum ersten Mal eine expansive Fiskalpolitik nach keynesianischem Rezept betrieben (Karl Schiller, SPD). Es wurden staatliche Zusatzaufträge in Höhe von 8 Mrd. DM, rund 1,5% des damaligen BIP, vergeben, die die Wirtschaft aus der Rezession herausführen sollte. Resultat war, daß sich im selben Jahr ein Aufschwung einstellte, der die Wirtschaft rasch vorantrieb und bis 1973 andauerte. Demzufolge betrug die Zuwachsrate des Sozialprodukts ohne Außenbeitrag im Jahre 1968 7%.

 

Die US-Präsidenten J. F. Kennedy und Lydon B. Johnson ließen sich vorrechnen, daß ein Potential von 51 Mrd. Dollar in der Produktion nicht ausgenutzt werde. Daraufhin beschlossen sie Steuersenkungen, die vor allem die privaten Einkommen und die Anschaffung neuer Maschinen betraf. Die Maßnahmen bescherten den USA eine der größten Konjunkturen ihrer Geschichte mit einem Vollbeschäftigungsgrad von ungefähr 96%.

 

Abschlussreflexion

 

Die Projektarbeit hat uns sehr viel Spaß gemacht. Wir konnten die Arbeit unter uns aufteilen und uns anschließend darüber austauschen. So wurde die Arbeitszeit ökonomisch sinnvoll genutzt. Außerdem war es von Vorteil mehrere Standpunkte in die Projektarbeit einfließen zu lassen. Unserer Meinung nach gehört Keynes zur Allgemeinbildung und überdies ist er aus der weltwirtschaftlichen Entwicklung nicht wegzudenken. Man muß sich nur einmal vorstellen, was passiert wäre, wenn er sich mit seinen Vorstellungen in Versailles (1919) bei der Höhe Reparationsforderungen gegenüber Deutschland durchgesetzt hätte. Wahrscheinlich hätte der Nationalsozialismus eine vollkommen andere geschichtliche Bedeutung bekommen…!!

Ganz eindrucksvoll kann man Keynes zum Abschluß anhand eines Zitates charakterisieren: "To understand my state of mind, however, you have to know that I believe myself to be writing a book on economic theory which will largely revolutionize - not, I suppose, at once but in the course of the next ten years - the way the world thinks about economic problems. When my new theory has been duly assimilated and mixed with politics and feelings and passions, I can’t predict what the final upshot will be in its effect on action and affairs. But there will be a great change, and in particular the Ricardian foundation of Marxism will be knocked away. I can’t expect you or anyone else, to believe this at the present stage. But for myself I don’t merely hope what I say - in my own mind I’m quite sure." [J. M. Keynes in einem Brief an George Bernard Shaw (1.1.1935)]

 

 

Kritik oder Anmerkungen zu unserem Projekt bitte per email an: sopicki@wiwi.uni-frankfurt.de

 

Quellenangaben

 

"Gabler Wirtschafts-Lexikon"; Gabler Verlag; 12. Auflage, 1988

Dieter Bös und Hans-Dieter Stolper; "Schumpeter oder Keynes? – Zur Wirtschaftspolitik der neunziger Jahre"; Springer Verlag 1984

Franz Josef Floren; "Wirtschaftspolitik im vereinten Deutschland"; Schöningh Verlag

Karl Georg Zinn; "Keynes aus nachkeynesscher Sicht"; Deutscher Universitätsverlag 1988

Paul-Heinz Koesters; "Ökonomen verändern die Welt"; Goldmann Verlag; 7. Auflage, 3/93

Werner Vomfelde; "Abschied von Keynes?"; Campus Verlag 1985