Einführung in die politische Ökonomie

Heinz Zielinski

Referat vom 20.12.1996

Thema: John Maynard Keynes
Referentinnen und Referent: Katja Biedenkopf, Claudia Herzfeld, Steffen Krapp

l. Lebenslauf
John Maynard Keynes, britischer Volkswirtschaftler, Publizist und Diplomat, wurde am 5. Juni 1883 in Cambridge geboren. Er absolvierte das Eton­College und ging dann an die Universität. Nach Abschluß seiner Studien in Cambridge im Jahre 1905 unterzog er sich den Prüfungen für den höheren Staatsdienst, wobei er in den wirtschaftlichen Fragen schlecht abschnitt. Danach war er einige Zeit im Amt für Indien tätig, schrieb ein hochtechnisches Buch über Wahrscheinlichkeitstheorie, begann ein weiteres über indische Währung und kehrte nach Cambridge zurück. Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit brachten Keynes ersten Ruhm und zugleich die Sicherheit, mit der er fortan zu öffentlichen Fragen Stellung nahm und einen Einfluß gewann, dem sich allmählich niemand zu widersetzen vermochte. Während dieser Zeit gehörte er dem Stab des Schatzamtes an, wo er sich dank seiner Fähigkeit im Umgang mit Deviseneinnahmen, Anleihenerträgnissen und Einnahmen aus eingezogenem und im Ausland verkauften Wertpapieren einen erheblichen Namen machte. Bis zum Kriegsende hatte sich seine wirtschaftspolitische und administrative Begabung bereits soweit herumgesprochen, daß er ausersehen wurde, die britische Delegation zu der Pariser Friedenskonferenz des Jahres 1919 zu begleiten. Als er Paris verließ, war er von den dortigen Friedensverhandlungen zutiefst enttäuscht. Er kehrte nach England zurück und schrieb 1920 “Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages”. Das Werk erschien im selben Jahr in London, von der englischen Ausgabe wurden 84.000 Exemplare verkauft; es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und gilt noch immer als das bedeutendste wirtschaftstheoretische Dokument zum Ersten Weltkrieg und seinen Folgen. In den zwanziger und frühen dreißiger Jahren war Keynes als Schriftsteller tätig, interessierte sich für Kunst, saß dem gemeinsamen Herausgeberkollegium des “New Statesman” und der “Nation” vor und gehörte dem bedeutenden staatlichen Finanz­ und Industrieuntersuchungsausschuß an. 1930 veröffentlichte er die zweibändige Abhandlung “Vom Gelde”. Sie wurde als epochemachendes Werk gefeiert. Auch Gedanken aus der “Allgemeinen Theorie” kündigten sich hier bereits an. Das Werk “Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes” vollendete Keynes 1936, und damit löste er eine langanhaltende heftige Diskussion aus und, die ihn zum Begründer einer eigenen Richtung der Nationalökonomie, des Keynesianismus, werden ließ. Ab 1941 war Keynes an den Planungen einer internationalen wirtschaftlichen Neuordnung maßgeblich beteiligt. Am 21. April 1946 starb er in Firle (Sussex).

2. Hintergrundinformation
Weltwirtschaftskrise
Keynes gelangte unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zu der Auffassung, daß die Grundlagen der bisherigen ökonomischen Theorien in Frage zu stellen seien. Unter diesem Aspekt schrieb er sein Hauptwerk “Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes”. Die Weltwirtschaftskrise war in seinen Ausmaßen und Auswirkungen ein umfassender wirtschaftlicher Zusammenbruch in großen Teilen der Weltwirtschaft. Die Ursachen der Krise von 1929 ­ 1933, die sich nach dem New Yorker Börsenkrach am Schwarzen Freitag global ausweitete, waren:
• durch einseitigen Reparationsleistungen Deutschlands ausgelöste kriegs- und nachkriegsbedingte Störungen
• die Zerschneidung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen bei insgesamt intaktem Produktionsapparat der Weltwirtschaft
• unzureichende wirtschaftspolitische Maßnahmen, besonders Großbritanniens und der USA, zur Stabilisierung der Weltwirtschaft.
Die Weltwirtschaftskrise führte zu einer Beschränkung weltwirtschaftlicher Verflechtungen, verstärkte Autarkiebestrebungen und bereitete mit ihren sozialen Auswirkungen (Firmenzusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, fallende Löhne, steigende Preise, etc.) den Boden für das Erstarken radikaler Massenbewegungen.

Schwarzer Freitag
Historisch mehrfach als Unglückstag für Banken und Börsen aufgetretener Wochentag, der daraufhin immer wieder mit Bankzusammenbrüchen und Kursstürzen in Verbindung gebracht wird. Vom 23. ­ 25. Oktober 1929 war der größte Kurszusammenbruch in der Börsengeschichte, der die tiefste Weltwirtschaftskrise einleitete.

3.Keynsianer vor Keynes
Keynes arbeitete auf Jahre hin an etwas, das er als Offenbarung ansah, ohne sich der mannigfaltigen Vorgänger bewußt zu werden. Daraus ergeben sich zwei voneinander getrennte Fragen. Die eine ist, warum Keynes die zahlreichen Vorläufer seiner Theorie über die Bestimmung der Gesamtnachfrage, die seither mit seinem Namen verbunden wird, nicht kannte. Die andere Frage, warum er kein Interesse an den Vorschlägen für eine antizyklische Politik zeigte, die von den Ökonomen der beiden Staaten vorgetragen wurden, die am schwersten von der großen Depression betroffen waren. Die wenigen zufälligen Hinweise auf Vorläufer können in einem Kapitel der “Allgemeinen Theorie” gefunden werden. Die akademischen Ökonomen einschließlich sich selber anklagend, den “eigenartigen, ungerechtfertigterweise vernachlässigten Propheten Silvio Gesell” ignoriert zu haben, widmete ihm Keynes einen beträchtlichen Abschnitt im 23. Kapitel mit der anschließenden Bemerkung, daß die hinter dem Schwundgeld stehende Idee vernünftig ist. Ferner fügte er hinzu, daß “die Zukunft mehr von dem Geist eines Gesell als von Marx lernen wird”. Man wundert sich, warum Keynes fünf Seiten dem Leben und den Theorien eines “typisch monetären Kauzes” widmete, dessen Name in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten ist, während er zahlreiche Ökonomen gerade auf dem Gebiet, in welchem er einen neuen Pfad zu schlagen glaubte, übersah. Mehr als einmal unterließ es Keynes, Spuren zu verfolgen, die ihn zu den Quellen geführt hätten, von denen er glaubte, daß sie Entdeckungen seines fruchtbaren Geistes seien. Eine einfache Antwort auf die Frage, warum die Allgemeine Theorie in einem intellektuellen Vakuum geschrieben war, kann mit dem Hinweis auf die weltbekannte Isolierung der Cambridger Ökonomen innerhalb der sprichwörtlich insularen Abgeschlossenheit Großbritanniens gegeben werden. Keynes las wenig von dem, was zeitgenössische Ökonomen zu sagen hatten. Er grub auch nicht tief in der Fülle der Ideen und Nachforschungen früherer Generationen von Ökonomen. Größtenteils nahm er von den Beiträgen seiner Zeitgenossen, die in einer anderen Sprache als der englischen publizierten, keine Kenntnis. In den Jahren zwischen dem Zusammenbruch von 1929 und dem Erscheinen der Allgemeinen Theorie trat eine große und hervorragende Gruppe amerikanischer Volkswissenschaftler für eine Politik ein, die darauf ausgerichtet war, das Land aus der Depression herauszuführen. Ähnliche Anstrengungen wurden in mehreren Ländern in Europa unternommen, einschließlich Deutschland. Die Handlungsvorschläge seiner amerikanischen und deutschen Kollegen waren ebenso wie viele der Maßnahmen, die Keynes in zahlreichen Artikeln und Leserbriefen während der zwanziger und dreißiger Jahren empfohlen hatte, Aufrufe zum Handeln. Die meisten von denen, die in den Vereinigten Staaten “keynesianisches Gedankengut” verbreiteten, waren gut etabliert und lagen in der Hauptströmung der amerikanischen Forschung. Trotzdem erreichte der Streit unter den amerikanischen Volkswirtschaftlern Keynes nicht. Die preisgekrönte Monographie von Davis und die frühere Studie von Stein machen es überdeutlich, daß die politischen Vorschläge von Keynes nicht als Neuheit angesehen werden können, wenn sie in dem Zusammenhang mit früheren Diskussionen in den Vereinigten Staaten gesehen werden.

4. Allgemeine Theorie
Keynes allgemeine Theorie ist in logischer Hinsicht ein Produkt des neoklassischen Denkens, allerdings nicht mit dem üblichen mikroökonomischen Ansatz, sondern mit der Betonung auf macroökonomischen Aggregaten.
Keynes setzt sich mit den Problemen des Ungleichgewichts und des Pseudogleichgewichts des Marktes auseinander, welche sich in verschiedenen Graden von Unterbeschäftigung äußern. Gleichgewicht und Gleichgewichtstendenzen sind, laut Keynes, Ausnahmen in der wirklichen Welt, nicht die Regel; deshalb stellt er es sich zur Aufgabe die Mittel zur Erreichung eines bestimmten Macroziels (das der Vollbeschäftigung) zu entdecken. Wenn dabei die Einführung eines öffentlichen Entscheidungsträgers zur Leitung/Kontrolle/Regulierung autonomer Mikroeinheiten notwendig ist, dann sei der Übergang zur politischen Ökonomie vollzogen.

Keynes allgemeine Theorie stellt ein Modell des wirtschaftlichen Kernprozesses dar. Er läßt keinen Zweifel an der Kurzfristigkeit seiner Analysen.
Keynes nimmt das Arbeitsangebot, die Menge und Qualität des Sachkapitals und damit auch Produktionstechniken als gegeben. Zur Untersuchung stehen die Faktoren, die zu jeder Zeit das Volkseinkommen eines gegebenen Wirtschaftssystems und den Umfang seiner Beschäftigung bestimmen.
Dies steht im Gegensatz zur orthodoxen Tradition, da nun das Gesamteinkommen und die Beschäftigung kurzfristigen Änderungen unterworfen sind.
Die Wirtschaftsordnung zur Zeit Keynes war großen Schwankungen in bezug auf Produktion und Beschäftigung unterworfen. Er führt diese Unstabilität von Einkommen, Produktion und Beschäftigung auf die psychologische und institutionelle Struktur des Kernprozesses selbst zurück, nicht wie die traditionelle Konjunkturtheorien, die Erklärungen für die industriellen Schwankungen in exogenen Ursachen suchen.
Eine andere Eigenart der allgemeinen Theorie ist die makroökonomische Form, die die Theorie leicht statistisch nachprüfbar macht und ein handliches Werkzeug der Wirtschaftspolitik darstellt, allerdings werden gegenläufige sektorale Bewegungen innerhalb der Aggregate vernachlässigt.

Keynes allgemeine Theorie gründet sich auf gewisse strategische Faktoren und unabhängige Variablen, die mit den Konstanten das Einkommens­ und Beschäftigungsniveau bestimmen. Diese Variablen sind:
1. die Konsumfunktion, welche den Gesamtwert der Konsumgüter mißt;
2. die Investitionsfunktion, welche den Totalwert der Kapitalgüternachfrage im Einklang mit der jeweiligen Gewinnerwartung beschreibt;
3. der Zinssatz.
Die Gesamtproduktion und die Beschäftigung hängen von der Gesamtnachfrage nach Konsum­ und Kapitalgütern ab. Die Rentabilität eines Investitionsgutes mißt Keynes mit Hilfe des Begriffs der “Leistungsfähigkeit des Kapitals”, die sich auf den Gesamtertrag eines neuen Kapitalgutes während seiner Lebensdauer, abzüglich seines ursprünglichen Beschaffungspreis, bezieht. Die Rentabilität wird in gleicher Weise gemessen wie der Zins, nämlich als Prozentsatz eines bestimmten Betrages per annum.
Für Investoren lohnt es sich ihren Kapitalstock zu vergrößern, solange die Rate diskontierter künftiger Erträge die geltende Rate, zu der Geld geborgt werden kann, übersteigt. Die Grenze der Investitionen liegt dort, wo die Grenzfähigkeit solcher Investitionen sich dem Zinssatz annähern.
Die Agregatgrößen sind selbst das Produkt fundamentaler Faktoren, teils psychologischer, teils institutioneller Art. Diese Faktoren sind:
1. der Hang zum Verbrauch, welcher die Art und Weise beschreibt, wie typische Einkommensbezieher ihre Einkünfte zwischen Ausgaben für Konsumgüter und der Vergrößerung ihres Vermögens aufteilen;
2. der Vorliebe für Liquidität, die sich in der Nachfrage nach liquiden Mitteln ausdrückt;
3. die Lohneinheit, welche den Stundenlohn eines durchschnittlichen Arbeiters darstellt und andererseits auch die durch das Bankensystem bereitgestellte Geldmenge;
4. die langfristigen Erwartungen, die sich auf künftige Erträge von Kapitalanlagen beziehen.
Diese Faktoren, zusammen mit den vorher erwähnten Konstanten (Konsumentenpräferenz, Technik usw.) bestimmen letztlich die kurzfristige Bewegung des Systems und damit das jeweilige Niveau der Produktion und der Beschäftigung.
Keynes allgemeine Theorie postuliert bestimmte funktionelle Beziehungen, ohne daß die Art des Funktionszusammenhangs exakt bestimmt wäre. Um ein konkretes Niveau der Produktion und der Beschäftigung und eindeutige Systembewegungen ableiten zu können, müssen die Funktionen spezifiziert und den Parametern definitive Werte zugeordnet werden. Dies bedeutet eine niedrigere Stufe der Abstraktion. Es wird aus einer unbestimmten Anzahl logischer Alternativen eine als empirisch gültig ausgewählt, dies ist die Konstruierung einer speziellen Theorie.

Zu diesem Zweck müssen die analytischen Bausteine (Konstanten und unabhängige Variablen) so angeordnet werden, daß sie alle denkbaren Rückkopplungsmechanismen abbilden, welche zu regelmäßigen und stetigen Bewegungen des Systems führen.
Keynes geht von einer Unterbrechung des Marktprozesses an einem Punkt, z.B. dem Zustand der Massenarbeitslosigkeit, begleitet von ungenutzten Beständen an anderen Produktionsfaktoren, insbesondere Anlage­ und Betriebskapital und monetären Reserven, aus. Er nimmt nun einen Prozeß der Nettoinvestition an, bis sich die neue Grenzleistungsfähigkeit der Investition dem dann herrschenden Zinssatz angleicht. Zur Bestimmung des Betrages dieser Erhöhung der Investitionen muß man zusätzliche Tatbestände kennen, die nicht in der allgemeinen Theorie enthalten sind, z.B. die technische Angebotsstruktur der Kapitalgüterindustrie, den tatsächlichen Stand der langfristigen Erwartungen hinsichtlich der Investitionserträge, den Grad der Vorliebe für Liquidität und die vom Bankensystem bereitgestellte Geldmenge.
Weiterhin nimmt Keynes an, daß gewisse Nettoinvestitionen unternommen werden, somit kommt der Kreislaufmechanismus in Bewegung. Bei unveränderter Produktionstechnik erhöhen zusätzliche Investitionen die Beschäftigung und damit das Gesamteinkommen und wahrscheinlich auch den Verbrauch, diese zusätzliche Nachfrage nach Konsumgütern erhöht die Nachfrage nach Arbeit.
Somit geschieht eine Annäherung an die Vollbeschäftigung oder das Abbremsen der Expansion auf irgendeinem Niveau der Unterbeschäftigung oder gar eine Umkehr der Systembewegung in Richtung auf eine neue Kontraktion (dies ist wiederum abhängig von weiteren Annahmen). Je mehr von jeder zusätzlich verdienten Mark für Verbrauchsgüter ausgegeben wird, um so stärker ist die Wirkung steigender Einkommen auf die Gesamtbeschäftigung. Die Investitionsneigung sinkt ab mit der Annäherung an den Zinssatz. Für weiteren Wachstum müßte der Zinssatz sinken, allerdings löst ein Aufschwung Kräfte aus, die den Zinssatz eher erhöhen, was teils psychologischer, teils mechanischer Natur ist.
Die psychologischen Kräfte bestehen in den Änderungen der Erwartungen, welche die Nachfrage nach liquiden Mitteln im Laufe des Aufschwungs erhöhen. Die mechanischen Kräfte betreffen den wachsenden Bedarf an Kassenbeständen, die zur Finanzierung des Umsatzes der vermehrten Produktion erforderlich sind, ein Bedarf, der durch den Anstieg von Löhnen und Preisen verstärkt wird.
Wenn also das Bankensystem bewußt die Geldversorgung dieser wachsenden Nachfrage anpaßt, steigt der Zinssatz und flaut damit die Investitionstätigkeit ab. In diesem Fall entsteht ein Pseudogleichgewicht, in dem die Unternehmer in ihrer Gesamtheit keine Veranlassung haben, die Beschäftigung auszudehnen oder einzuschränken.
Solch ein Gleichgewicht der Unterbeschäftigung kann nicht von Dauer sein, da es die langfristigen Erwartungen ungünstig beeinflußt, es droht ein Zusammenbruch der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, der den Abschwung des Systems einleitet, die damit verbundene Verminderung der Investitionsrate löst weitere Unterbeschäftigung aus, was zu einer Verminderung des Gesamteinkommens und des Verbrauchs führt und eine kumulierende Kontraktion in Gang setzt, bis die Gesamtnachfrage und das Gesamtangebot wieder gleich sind.
Das System schwankt nun um dieses Depressionsniveau bis ein neuer Anstoß eine neue Expansion auslöst, dieser muß endogen sein, exogene Anstöße sind im Modell ausgeschlossen.
Keynes erwartet, daß die Grenzleistungsfähigkeit der Investition sich autonom nach einer Stagnationsperiode belebe, als Folge der allmählichen Absorption des überschüssigen Betriebskapitals und wegen des Ersatzbedarfs für abgenutztes Anlagekapital. Die Verkettung von Höhen und Tiefen des Kreislaufs ist durch die materiellen Erfordernisse gesichert und die kurzfristige Rückkopplungsschleife geschlossen.
Dies war die allgemeine Theorie, welche einen Katalog von Möglichkeiten erbringt. Die konkrete Wahrheit kann aus einem solchen Modell nicht abgeleitet werden, aber die unabhängigen Variablen, aus einer großen Zahl möglicher wirtschaftlicher Beziehungen ausgewählt, ergeben einen analytischen Bezugsrahmen, in den fast alle logischen Alternativen eingepaßt werden können.

5. Spezielle Theorie
John Maynard Keynes wollte ein System konstruieren, das mit den Theorien von Adam Smith und Karl Marx vergleichbar ist. Außerdem sollte es als Modell der “Wirtschaftsgesellschaft, in der wir leben” brauchbar sein. Dazu müßten die relevanten Funktionen und Parameter spezifiziert werden. Als solche betrachtet er die Geldversorgung, die er als fixiert ansieht. Damit meint er, daß das Zentralbanksystem seine Politik weder am Beschäftigungs­ noch am Produktionsniveau ausrichtet. Auch die Löhne betrachtet er als fast starre Einheit. Es gebe eine feste untere Lohngrenze und auch während eines wirtschaftlichen Aufschwungs blieben die Löhne fast konstant, d.h. es kommt zu Reallohneinbußen. Der dritte Faktor ist die Vorliebe für Liquidität. Diese ändere sich proportional zu Änderungen des Gesamteinkommens und der Gesamtproduktion. Aufgrund von Spekulationen ändere sie sich bei Veränderungen des Zinssatzes jedoch antiproportional. Der letzte Faktor sei die Erwartung künftiger Gewinne, die sich antiproportional zu den Preisen und der Konkurrenz verhielten, da man bei vermehrter Produktion immer näher an die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals kommt, mehr Beschäftigte verursachen höhere Lohnkosten, d.h. bei hohen Investitionen bringt eine weitere investierte Mark immer weniger Gewinn. Dies führe dazu, daß die Investoren die hohe Investitionsrate irgendwann nicht mehr aufrechterhalten. Die Grenzneigung des Konsum nach Keynes verlangt jedoch eine weitere Erhöhung der Investitionsrate, um das gesellschaftliche Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. Unter der Grenzneigung des Konsums versteht man, daß die Menschen bei steigendem Einkommen ihren Konsum nicht proportional zum Einkommen erhöhen, wodurch es zu einer Nachfragelücke komme. Diese Nachfragelücke müsse ausgefüllt werden, wenn das System nicht periodisch in einen Zustand der vermehrten Arbeitslosigkeit zurückfallen solle. Wenn die Einkommen wieder fallen, schließt sich die Lücke allmählich von selbst. Um dieses periodische Auf und Ab zu verhindern, müsse der Staat steuernd eingreifen. Dieses nennt man dann die Globalsteuerung. Der Staat müsse bei einer größer werdenden Nachfragelücke die Nachfrage ankurbeln. Neue Nachfrage kann er jedoch nur schaffen, indem er Geld ausgibt, das er nicht hat, sprich er muß Schulden machen. Mit dieser Ansicht widerspricht Keynes der klassischen Theorie, die von einem völlig freien Markt ausgeht und einen ausgeglichenen Haushalt propagiert.
Der Staat kann durch Fiskal­ und Geldpolitik steuernd eingreifen. Fiskalpolitisch greift er ein, indem er mehr oder weniger Aufträge an die Wirtschaft verteilt. Geldpolitisch steuert der Staat durch die Erhöhung oder Senkung der Zinsen. Auch die Abnutzung der Kapitalanlagen (alte Maschinen) rege mit der Zeit zu neuen Investitionen an, wobei die Investoren langfristig wieder höhere Gewinne erwarten.
Ein weiterer Unterschied zwischen der keynesschen und der klassischen Theorie ist die Rolle der Geldmenge. Nach Keynes bestimme sie den Beschäftigungsgrad und die Produktionsmenge mit, während sie in der klassischen Theorie keinen Einfluß darauf hat, da sie durch die als völlig flexibel betrachteten Löhne und Preise kompensiert werden kann. Durch das feste Lohnniveau bei Keynes kann man bei gegebener Geldmenge natürlich leicht ein Maximalniveau von Beschäftigung und Produktion erreichen. Daraus ergibt sich, daß es nur durch einen Zufall oder eine geplante Anpassung der Geldmenge durch den Automatismus des Marktes zu einer Vollbeschäftigung kommen kann, wenn bei steigendem Einkommen der Konsum proportional steigt. Im Prinzip ist dies aber dasselbe wie in der klassischen Theorie, wo sich die Geldmenge indirekt durch die flexiblen Löhne und Preise anpaßt. Keynes ist aber der Erste, der die Erwartungshaltung der Konsumenten und Investoren mitberücksichtigt. Die Menschen werden sich nach Keynes' Theorie bei dem Konsum­ und Investitionsverhalten einschränken, wenn weitere Preis­ und Lohnsenkungen erwartet werden ­ es komme also zu einer erhöhten Vorliebe für Liquidität, während die klassische Theorie davon ausgeht, das alles Geld zurück in die Wirtschaft fließt. Nun stellt sich aber die Frage, warum jemand nach einer Preissenkung einen weiteren Preisverfall vermuten solle oder die Sicherheit von Kapitalerträgen anzweifeln solle und deshalb lieber liquide ist, als ertragsbringende Wertpapiere zu halten. Dies hänge mit der Kostenstruktur zusammen, durch die das Angebot kurzfristig nur gering elastisch ist. Bei der industriellen Produktion hat man einen hohen Anteil an Fixkosten (Maschinen, Löhne usw.) an den Gesamtkosten, weshalb es auch bei einem Rückgang der Nachfrage und ein Absinken der Preise auf ein Niveau unter den Durchschnittskosten eine Zeitlang immer noch billiger ist weiter zu produzieren als den Betrieb ganz zu schließen. Dies ist der Fall, solange die Preise noch über den durchschnittlichen variablen Kosten liegen, da so noch ein Teil der Fixkosten erwirtschaftet wird. Trotzdem werden natürlich Verluste eingefahren, die die laufenden Erträge und Kapitalwerte der Investoren gefährden. Man kann eben bei ausbleibendem Gewinn die Produktion nicht sofort auf gewinnbringende Güter umstellen. Solche Gefahren müssen vor dem Investieren bedacht werden und wenn die Risiken als zu groß eingeschätzt werden, wird lieber nicht investiert, damit wird aber die Prämisse der klassischen Theorie verletzt, daß alles Geld reinvestiert wird. Ein weiterer Unterschied zwischen Keynes und der klassischen Theorie ist die Annahme eines Gleichgewichts der Unterbeschäftigung bei Keynes. Die klassische Theorie geht von einem Gleichgewicht der Vollbeschäftigung aus. Dazu kommt es durch die unterschiedlichen Annahmen was mit überschüssigem Geld geschieht. Nach Keynes wird nicht unbedingt alles reinvestiert, es kann also zu Schwankungen der Liquiditätspräferenz kommen, was wiederum einen antiproportionalen Einfluß auf den Zinssatz hat und somit die Geldmenge zu einem mitbestimmenden Faktor in diesem System macht. Außerdem strebt der Kapitalismus nicht die “Vollbeschäftigung der Arbeit” sondern des Kapitals an. D.h. Lohnabschlüsse sind den Investitionsentscheidungen der Produzenten nachgeordnet und Arbeitsmarktungleichgewichte lassen sich im nachhinein durch Lohnanpassungen kaum noch aus der Welt schaffen. Deshalb entsteht ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht. Keynes Vorteil gegenüber der klassischen Theorie ist, daß seine Theorie nicht nur auf einen Markt mit vollkommener Konkurrenz anwendbar ist. Daher ist sie besser geeignet, die Welt in der wir leben zu interpretieren. Keynes gab damit erstmals Politikern die Möglichkeit steuernd in die Wirtschaft einzugreifen.

6. Verfall des Keynesschen Svstems
Obwohl der Verfall des Keynesschen Systems mit zunehmender Deutlichkeit vor sich ging, wurde davon lange nicht gesprochen, und bis heute hat man ihn nicht völlig zur Kenntnis genommen. Das, was ökonomisch als symmetrisch erschien, erwies sich in der Anwendung des Keynesschen Systems wirtschaftspolitisch als asymmetrisch. Deflation und Arbeitslosigkeit erforderten größere öffentliche Ausgaben und geringere Steuern, andererseits verlangte eine Preisinflation eine Einschränkung der Staatsausgaben und Erhöhung der Steuern. Es gab zwei Gründe, warum diese Maßnahmenproblematik in den meisten Fachdiskussionen nicht erkannt wurde. Keynes Allgemeine Theorie war vor allem ein Dokument der großen Depression. Damals bestand das Problem in Arbeitslosigkeit und sinkenden Preisen; die ersten Keynesianer kümmerten sich wenig oder gar nicht um die Inflation und schon gar nicht um die wirtschaftspolitischen Fragen der Bekämpfung derselben. Verschlimmert wurde dieses Versäumnis noch durch die zunehmende Ablösung der Wirtschaftstheorie von der Wirtschaftspolitik. Ein weiteres Problem für alle Industrieländer war die neue Form der Inflation. Sie ergab sich aus dem Preis­ und Lohnsteigerungen, die in der modernen Volkswirtschaft durch das Zusammenwirken der großen Interessenverbände entstehen. Im Zuge der Industriekonzentration hatten die großen Kapitalgesellschaften sich in erheblichem Maße die Kontrolle über ihre Preise gesichert. Und die Gewerkschaften bestimmten ganz wesentlich die Höhe der Löhne und der dazugehörenden Vergünstigungen, die ihren Mitgliedern zugestanden wurden. Aus dem Zusammenwirken dieser Interessengruppen resultierte ein neuer, kräftiger Inflationsdruck: Die Lohnabschlüsse trieben die Preise in die Höhe, Preise und Lebenshaltungskosten zogen die Löhne nach oben. Für diese wechselseitige Dynamik bürgerte sich die Bezeichnung “Lohn­Preis­Spirale” ein. Dieser Dynamik entgegenzuwirken, war das Rüstzeug, das die keynessche Revolution hinterlassen hatte, ganz und gar ungeeignet. Die Bestimmung von Löhnen und Preisen war ein mikroökonomisches Problem, und die Mikroökonomie hatte Keynes von der übrigen Lehre getrennt und der klassischen Marktwirtschaftstheorie überlassen.

Quellen:
• Meyers Taschenlexikon
• G. Bombach, “Der Keynessianismus”
• Dr. Rer. pol. Hans-Rudolf Peters, “Einführung in die Theorie der Wirtschaftssysteme”, Oldenburg Verlag München Wien
• Gert von Eyzern, “Wörterbuch zur politischen Ökonomie”, Westdeutscher Verlag
• John Kenneth Galbraith, “Die Entmythologisierung der Wirtschaft Grundvoraussetzungen ökonomischen Denkens”, Knaur
• Adolph Lowe, “Politische Ökonomie Geschichte und Kritik”, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main

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