Was ist überhaupt der wahre Keynes? Keynes war kein Keynesianer.
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John Maynard Keynes

der übersehene Prophet

In seinem Hauptwerk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (1936) geht der "Jahrhundertökonom" John Maynard Keynes auch recht ausführlich auf die Ideen Silvio Gesells ein, den er als "zu Unrecht übersehenen Propheten" bezeichnet. Auf den folgenden Seiten soll aufgezeigt werden, daß auch Keynes, obwohl er der wahrscheinlich meistdiskutierte Ökonom unseres Jahrhunderts ist, im Grunde genommen ein übersehener Prophet geblieben ist, daß die wesentlichen Aussagen seiner "Allgemeinen Theorie" kaum beachtet wurden. Aussagen, die denen des ökonomischen Außenseiters Gesell verblüffend ähnlich sind.

"Keynes war kein Keynesianer" (so Harald Scherf in seinem Beitrag "John Maynard Keynes", in "Die Klassiker des ökonomischen Denkens"), das ist die Erkenntnis vieler Ökonomen, und wohl keiner hat die Säuberungsaktionen des sogenannten "Keynesianismus" in der Keynes'schen Theorie deutlicher gemacht als der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Axel Leijonhufvud in seinem Standardwerk "Über Keynes und den Keynesianismus".

Bezeichnenderweise wird Leijonhufvuds Werk aus dem Jahre 1965 im Vorwort als Rehabilitierung von Keynes bezeichnet, denn schon 30 Jahre nach Erscheinen der "Allgemeinen Theorie" war der Stern des Lord Keynes of Tilton im Sinken begriffen, und die Vertreter der konservativen Gegenrevolution, die den herrschenden gesellschaftlichen Kreisen Genehmeres zu bieten hatten, waren dabei, das Ruder zu übernehmen.

Was aber ist überhaupt der "wahre" Keynes?

Eine letztendliche Antwort darauf wird es wohl nie geben; dazu ist Keynes in vielem zu unklar, zu inkonsistent, zu widersprüchlich. Auf jeden Fall gibt es noch vieles in seinem Werk zu entdecken, bzw. neu zu bewerten, das von den Ökonomen nach ihm vielleicht nur deshalb nicht beachtet wurde, weil es ihnen politisch nicht zusagte.

Den Konservativen war er sowieso seit jeher ein Dorn im Auge. Für sie war er schlicht ein Sozialist. Und dieser "Vorwurf" ist keineswegs unberechtigt. Denn Keynes wollte nicht nur die Vollbeschäftigung durch staatliche Lenkung der Investition sichern, glaubte nicht an die wunderbaren Selbstheitungskräfte des Marktes; er wollte nicht weniger als die "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals" (etwas vereinfacht gesagt: die erwarteten Erträge neuer Investitionen) auf Null bringen.

Das aber wäre tatsächlich nichts anderes als das Ende des Kapitalismus, denn wer wollte noch von Kapitalismus sprechen, wenn das "Kapital" nichts mehr abwirft. Selbst das Wort "Kapital" hätte dann keinen Sinn mehr, denn das ist doch gerade dadurch definiert, daß es eine Rendite abwirft.

Um das ursoziatistische Ziel zu erreichen, die Beseitigung des Kapitalertrags, müßten keineswegs die Produktionsmittel verstaatlicht werden, wie das Marx meinte. Die Grundsätze der Marktwirtschaft, das private Unternehmertum, Gewinnstreben und Wettbewerb müßten dazu keineswegs aufgegeben werden.

Das Sinken der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals (nicht zu verwechseln mit dem Gewinn, sondern ein rechnerischer Teil von diesem), war für Keynes ein natürlicher und zwangsläufiger Vorgang in einer florierenden Wirtschaft. Das Kapital, so Keynes, wirft nämlich nur solange eine Rendite ab, wie es knapp ist. Es gibt aber keinen Grund, warum Kapital (außer dem Bodenkapital immer knapp sein müßte. Und mit jeder (Erweiterungs-) Investition nimmt seine Knappheit tendenziell ab, und damit sinken auch die Kapitalrenditen. Keynes meinte sogar, daß es relativ einfach sein sollte, die Grenzleisturigsfähigkeit des Kapitals innerhalb von ein bis zwei Generationen auf ungefähr Null zu bringen. Damit würde der Zustand eines quasi statischen Gemeinwesens erreicht. Keynes zeigt sich auch hier unglaublich progressiv und düpiert die Ökonomen aller Couleurs, denen etwas anderes als ein dynamisches Gemeinwesen, sprich eine wachsende Wirtschaft, ein Greuel ist.

Keynes war allerdings klar, daß dem Verschwinden des "Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum" ein mächtiger institutioneller Faktor entgegenstand in Form eines Geldes, dessen Haltung keine oder nur unbedeutende Kosten verursacht.

Unter dieser Bedingung nämlich sei dem Sinken des Geldzinses eine Grenze gesetzt, weil bei zu niedrigen Zinsen die Geldbesitzer die "echten oder vermeintlichen Vorteile" der Liquidität vorziehen würden. Den Geldbesitzern müsse also eine Mindestprämie für die Aufgabe der Liquidität geboten werden, die "Liquiditätsprämie", um die krisenauslösende "Liquiditätsfalle", volkstümlich ausgedruckt: das "Horten" von Geld, zu verhindern. Der Geldzins setze damit aber den Standard, den auch die Reriditen von Sachkapital erreichen müßten. Das Sachkapital müsse deshalb knapp gehalten werden, um eine dem Geldzins vergleichbare Rendite abwerfen zu können. "Daß die Welt nach verschiedenen Jahrtausenden beständigen Sparens der einzelnen so arm an angehäuften Kapitalwerten ist" (so daß diese immer noch etwas abwerfen konnten), war Keynes' Meinung nach durch "die zu hohen Liquiditätsprämien zu erklären, die früher dem Besitz von Land anhafteten und die jetzt an dem Besitz von Geld hängen".

Wie problematisch ein Geld ohne Haltekosten werden würde, wenn sein erklärtes Ziel zu nahe kam, hat Keynes deutlich ausgesprochen. Was, fragt er, würde es "für eine Gesellschaft bedeuten, die so gut mit Kapital ausgestattet ist, daß dessen Grenzleistungsfähigkeit Null ist ... und die dennoch ein derartiges Geldsystem besitzt, daß sich das Geld "halten" und unbedeutende Kosten für Lagerung und sicheres Gewahrsam bedingen wird ... und die in Zuständen der Vollbeschäftigung zum Sparen geneigt ist?" Dann, so lautet die beunruhigende Antwort von Keynes, würden "die Unternehmer notwendigerweise Verluste machen, wenn sie fortfahren, Beschäftigung auf einer Skala anzubieten, die den gesamten bestehenden Bestand an Kapital ausnützt. Der Bestand an Kapital und das Niveau der Beschäftigung werden folglich schrumpfen müssen, bis das Gemeinwesen so verarmt ist, daß die Gesamtersparnis Null geworden ist".

Die sich zwangsläufig ergebenden Störungen in der Beziehung zwischen der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals, die mit jedem wirtschaftlichen Boom durch Kapitalvermehrung und Bedarfssättigung die Tendenz hat zu sinken, und dem nach unten starren Geldzins waren für Keynes die Ursache für die periodisch wiederkehrenden Wirtschafts- und Beschäftigungskrisen. Die Unfähigkeit der Beschäftigung, ein Optimum zu erreichen, so formulierte er, ergebe sich aus der Verbindung "eines konventionellen und ziemlich beständigen langfristigen Zinsfußes und einer unzuverlässigen und höchst unbeständigen Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals". Leider, so beklagte er, werde die "Unfähigkeit der Beschäftigung, ein Optimum zu erreichen, in den Gedanken der Bevölkerung oder der Regierung in keiner Weise mit dem Vorherrschen einer ungeeigneten Reihe von Zinssätzen verbunden". Eine Klage, die heute, wo sich die Diskussion über die Arbeitslosigkeit im wesentlichen um angeblich zu hohe Lohnkosten und Steuern dreht, so berechtigt ist wie damals.

Was das "deficit spending" angeht, das Rezept der sogenannten "Keynesianischen' Wirtschaftspolitik gegen die Arbeitslosigkeit, also staatliches Schuldenmachen zum Ankurbeln der Konjunktur, so wird damit die Keynes'sche Vision geradezu konterkariert. Denn Schuldenmachen wirkt natürlich zinstreibend, und man kann nicht den Zins des Geldes in die Höhe treiben und gleichzeitig die "Grenzleistungsfähigkeit des (Sach-)Kapitals" auf Null bringen wollen, denn was das Geld an Zinsen einbringt, muß natürlich das Sachkapital erst recht abwerfen. Wenn dessen Erträge gegen Null gehen sollen, muß auch gleichzeitig der Geldzins gegen Null gehen.

Die Analyse des "Jahrhundertökonomen" gleicht fast aufs Haar derjenigen Silvio Gesells. Gesell, dessen Hauptwerk "Die Natürliche Wirtschaftsordnung" 20 Jahre vor der "Allgemeinen Theorie" erschienen war, hatte die gleiche Anschauung, daß die Renditen des Sachkapitals auch in einer auf Wettbewerb und privatem Gewinnstreben aufgebauten Wirtschaftsordnung verschwinden könnten, und daß es nur der nach unten starre Geldzins ist, der nicht zuläßt, daß den Sachkapitalrenditen durch beharrliches Arbeiten der Todesstoß versetzt wird.

Keynes und Gesell betrachten den Kapitalismus also als "monetäres Syndrom" (Dieter Suhr). Nicht das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist danach das Problem, sondern unser traditionelles Geld. Nicht das Produktionsvermögen, sondern das Geld ist das "Urkapital" (Gesell). Geld wirft nicht nur deshalb einen Zins ab, weit es das Produktionsvermögen tut, wie bürgerliche und marxistische Ökonomen in seltener Eintracht meinen, sondern das Produktionsvermögen muß deshalb etwas abwerfen, weit es das Geld auch tut.

Anders als Keynes, der aus dieser Analyse keine praktischen Konsequenzen zog, entwickelte Gesell daraus seinen "berühmten Vorschlag" - so jedenfalls bezeichnete ihn Keynes vom "gestempelten Geld" als Mittel zur Veränderung der "Liquiditätsfalle". Auch wenn Keynes sich nicht so weit vorgewagt hat, und letztendlich auch Einwände gegen diesen Vorschlag vorbringt, bestätigte er immerhin, daß "diejenigen Reformatoren, die in der Erzeugung künstlicher Haltekosten ein Heilmittel sahen ... auf der richtigen Spur gewesen" sind und ihr Vorschlag verdiente, erwogen zu werden.

Für die Anhänger Gesells war die Allgemeine Theorie jedenfalls stets Wasser auf ihre Mühlen, und sie sehen sich als die konsequenteren Keynesianer. Keynes hat die Leistung des "zu Unrecht übersehenen Propheten" Gesell auch ausführlich gewürdigt, und kein anderer Ökonom wird in der "Allgemeinen Theorie" so oft zustimmend erwähnt wie dieser.

Die Vision von der "Marktwirtschaft ohne Kapitalismus", die sich die Gesellianer auf die Fahnen geschrieben haben, ist bei Keynes damit eine eher theoretische geblieben. Denn aufgrund seiner Analyse ist klar, daß sein "Ziel, dem Kapital innerhalb einer oder zweier Generationen seinen Knappheitswert zu entziehen" bei einem "Geld, wie wir es kennen" nicht erreichbar ist.

Ganz losgelassen hat Keynes die Idee von Geldhalte- oder Liquiditätskosten denn auch nicht. Für die Konferenz von Bretton Woods 1944 machte er den Vorschlag, Guthaben seiner neu zu schaffenden internationalen Währung "bancor" ab einer bestimmten Höhe mit Strafzinsen zu belasten. Da sein "bancor" reines Buchgeld sein sollte, wären die Strafzinsen auf "bancor"-Guthaben Liquiditätskosten und somit eine Entsprechung zu Gesells Haltekosten auf Bargeld.

Diese Idee hatte ja schon die Unterstützung von Keynes' berühmtem amerikanischen Kollegen Irving Fisher gefunden, der immerhin als bedeutendster Geldtheoretiker seiner Zeit galt. Während der Weltwirtschaftskrise verfaßte dieser einen Leitfaden für die kommunale Einführung von "gestempeltem Geld", nachdem sein Versuch, die amerikanische Notenbank von der Idee zu überzeugen, keinen Erfolg hatte.

Trotz der Anerkennung durch Fisher und Keynes und den Erfolgen der "Stempelgeld"-Experimente in Schwanenkirchen und Wörgl hat Gesell kaum Beachtung in den akademischen Reihen gefunden. Kein Wunder, denn den kapitalismuskritischen Abschnitten bei Keynes, seiner Problematisierung von Geld und Zins, erging es nicht anders. Ganz unverblümt hat Alvin Hansen, einer der einflußreichsten Keynes-Interpreten, zum Ausdruck gebracht, was man von solchem Gedankengut hielt. Es wäre "nicht viel verloren", meinte er, wenn die Kapitel 16 und 17 der "Allgemeinen Theorie" ("Verschiedene Betrachtungen über das Wesen des Kapitals" und "Die wesentlichen Eigenschaften von Zins und Geld"!) "niemals geschrieben worden wären" (Nach Leijonhufvud, S. 38)

Und so ist für Leijonhufvud und andere Ökonomen "das größte Rätsel, das uns die Entwicklung des Keynesianismus aufgibt, die Frage, warum eine Theorie, in der Geld eine bedeutende Rolle spielt, sich in eine Theorie verwandeln sollte, in der Geld unbedeutend ist" (Leijonhufvud, S. 35).

Das Schicksal der Keynes'schen Lehre ist bekannt. Die "Keynesianische Ära" ist vorbei, und Keynes - mehr durch fragwürdige Interpretationen seiner Theorie durch seine Jünger als durch überzeugende Ideen seiner Gegner in Mißkredit geraten. Dabei haben die zentralen Anschauungen seiner "Allgemeinen Theorie" - die Störfunktion eines Geldes ohne Haltekosten niemals wirklich Beachtung gefunden. Es gilt im Grunde wieder - als hätte Keynes nie gelebt - die Ansicht, die der "Klassiker" John Stuart Mill apodiktisch formuliert hatte, es könne in der Wirtschaft "nichts Unwichtigeres geben als das Geld" (zitiert nach: Andreas Paulsen, Neue Volkswirtschaftslehre, S.18). Die Wissenschaft tut im Grunde wieder so, als gebe es keinen Unterschied zwischen einer Tauschwirtschaft und einer Geldwirtschaft. Der für Keynes fundamentale Unterschied, die Untergrenze des Zinses in der heutigen Geldwirtschaft mit ihren gravierenden Konsequenzen, ist von Freund und Feind einfach unter den Teppich gekehrt worden.

So unglaublich es klingen mag: im Grunde genommen teilt der "Jahrhundertökonom" Keynes - jedenfalls der Keynes der "Allgemeinen Theorie" das Schicksal seines Vorläufers Gesell, ein übersehener Prophet geblieben zu sein.

Dabei wäre angesichts des sozialen Unheils, das eine neoliberal-angebotsorientierte Wirtschaftspolitik heute anrichtet, eine Besinnung auf den "echten", den monetären Keynes dringender denn je. Hat Keynes nicht vorausgesagt, daß sich das Problem der Diskrepanz zwischen Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals und Zinsfuß in Zukunft, bei immer reichlicherer Kapitalausstattung und nicht beliebig steigendem Hang zum Konsum, noch verschärfen werde?

Könnte es nicht sein, daß wir nach 50 Jahren fast ununterbrochenen Wirtschaftswachstums in den Industrieländern an dem Punkt angelangt sind, wo Kapital so reichlich geworden ist, daß die Kapitalrenditen allmählich verschwinden müßten und die Keynes'sche Vision vom "sanften Tod des Rentiers" Wirklichkeit werden könnte?

Wenn es so wäre, wäre es an der Zeit, die Ideen von Gesell endlich ernsthaft zu überprüfen. Die Gefahr, daß unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme mit den herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu lösen sind, und unsere Politiker, deren Hilflosigkeit mit Händen zu greifen ist, den Karren wieder einmal gegen die Wand fahren, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber möglicherweise erfüllt sich ja einmal die Hoffnung, die der Ökonomie-Nobelpreisträger Lawrence R. Klein mit Blick auf Gesell und andere Geldreformer zum Ausdruck gebracht hat, denen er "brilliante Beiträge" bescheinigte, daß "die Ökonomen in der Zukunft jenen mehr Gehör schenken werden, die große ökonomische Intuition besitzen" (Lawrence R. Klein, "The Keynesian Revolution", S. 152)




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