K. Pinthus, aus : Nach 40 Jahren, neues Vorwort des Herausgebers der Anthologie "Menscheitsdammerung" (1920) , verfasst 1959

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Wie beurteilt man nun heute den Expressionismus des Jahrzehnts 1910—1920, in der Literaturgeschichte jetzt Epoche des <Früh>- und <Hoch>-Expressionismus genannt, als dessen Repräsentant die (Menschheitsdämmerung» gilt? Das bisher umfangreichste neuere Werk über den dichterischen Expressionismus, herausgegeben von den Professoren hermann friedmann und otto mann, zusammen mit zwölf anderen Literarhistorikern, unter dem Titel 'Expressionismus — Gestalten einer literarischen Bewegung» (Heidelberg 1956), sagt in der Vorbemerkung: «Das zeitgeschichtliche Phänomen (des Expressionismus) ist für uns heute wieder erregend: wie eine Generation junger Dichter sich dem Verfall des europäischen Menschen und seiner Kunst entgegenstellt. Seine Impulse und Auswirkungen sind für uns heute noch da in den Dichtern, die in ihrer Jugend durch den Expressionismus befruchtet worden sind. Aber dieser Expressionismus ist zugleich mehr als eine nur zeitgeschichtliche Bewegung und eine nur literaturgeschichtliche Kraft. Er hat uns in seinen höchsten Werken Dichtungen beschert, deren überzeitlichen Rang wir heute zu erkennen beginnen und die wir in unseren klassischen Dichtungsbestand aufnehmen müssen.»

Wie aber äußern sich die expressionistischen Dichter des Jahrzehnts 1910—1920 selber jetzt in unserem Jahrzehnt 1950—1960? Nur die beiden seien zitiert, die sich anfangs am nächsten standen in der zertrümmernden Ablehnung der damaligen Welt und die später dichterisch wie politisch am weitesten auseinander gerieten: gottfried benn und johannes R. becher.

Gottfried Benn, zumindest in seiner frühen Zeit seit 1912 als ein Hauptdichter des Expressionismus erachtet und in der rapiden Simultaneität und weltweiten Willkürlichkeit seiner Assoziationen immer ein Expressionist geblieben, schrieb ein Jahr vor seinem Tode, 1955, fast siebzigjährig, die Einleitung zu der Anthologie <Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts», in der er, nach anfänglichen Bedenken über eine einheitliche Definition jener Dichtung und über seine Zugehörigkeit zu ihr, schließlich begeistert ausbricht: «Ein Aufstand mit Eruptionen, Ekstasen, Haß, neuer Menschheitssehnsucht, mit Zerschleuderung der Sprache zur Zerschleuderung der Welt... Sie [die Dichter] kondensierten, nitrierten, experimentierten, um mit dieser expressiven Methode sich, ihren Geist, die aufgelöste, qualvolle, zerrüttete Existenz ihrer Jahrzehnte bis in jene Sphären der Form zu erheben, in denen über versunkenen Metropolen und zerfallenen Imperien der Künstler, er allein, seine Epoche und sein Volk der menschlichen Unsterblichkeit weiht... Noch aber steht sie da: 1910—1920. Meine Generation! Hämmert das Absolute in abstrakte harte Formen: Bild, Vers, Flötenlied... Es war eine belastete Generation: verlacht, verhöhnt, politisch als i entartet ausgestoßen — eine Generation jäh, blitzend, stürzend, von Unfällen und Kriegen betroffen, auf kurzes Leben angelegt... Also der Expressionismus und das expressionistische Jahrzehnt: ... Stieg auf, schlug seine Schlachten auf allen katalaunischen Gefilden und verfiel. Trug seine Fahne über Bastille, Kreml, Golgatha, nur auf den Olymp gelangte er nicht oder auf anderes klassisches Gelände.»

Johannes R. Becher in seinem Bekenntnisbuch <Das poetische Prinzip», 1957, gleichfalls ein Jahr vor seinem Tode, als Kultusminister der Deutschen Demokratischen Republik, beginnt: «Wenn ich von meiner eigenen Vergangenheit spreche, von meiner poetischen, was habe ich nicht selber dazu beigetragen, um die expressionistische Rebellion im Nachherein zu korrigieren und meine ungestümen Verskolosse meinen gegenwärtigen Einsichten anzupassen ...» Aber ein paar Seiten später packt auch ihn sehnsüchtige Sympathie für jene ferne Jugend: «Mag es uns auch mißlungen sein, was wir so überschwenglich, so heftig erstrebten, in der Dichtung die <coincidentia oppositorum> des Nicolaus Cusanus zu verwirklichen, immerhin einiges bleibt, und vor allem bleibt es lehrreich, insofern man sich die Mühe nimmt, über unsere Bemühungen von damals nachzudenken ... So haben wir in keinem klassischen Werk die Idee des Simultanismus, den Geist eines expressionistischen Pantheismus verwirklicht, aber ich bin überzeugt, man wird eines Tages wieder auf diese Versuche zurückkommen und mit vielem, vielem inzwischen in Vergessenheit Geratenem auch diesen unseren Aufruhr um die Jahrhundertwende wieder entdecken...»

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