A.2 G.Heym, Der Irre
1. Formulieren Sie eine informative Einleitung!
2. Interpretieren Sie die Figur des Irren und dessen Wirklichkeitsbezug !
zu 1.
bibliographische Angaben
:Einer der wichtigsten Vertreter des frühen Expressionismus, Georg Heym, verfasste diese Erzählung, die er, wie alle expressionistischen Schriftsteller dies für ihre Kurzprosa taten, als "Novelle" bezeichnete. Posthum wurde sie in der Prosasammlung "Der Dieb" 1913 veröffentlicht.
Inhalt:
Ein eben aus der Nervenanstalt entlassener Irrer begeht bei seinem Weg zu seiner Frau, an der er sich für die Einweisung rächen will, zahlreiche Greueltaten – im Auszug wird davon über die Ermordung einer Frau berichtet. Diese Tat geschieht im Wahn. Als der Irre bei seiner ehemaligen Wohnung ankommt, findet er dort niemand vor.
Thema:
Wie dem Irren die Wirklichkeit immer wieder entgleitet und er sich in Wahnvorstellungen verirrt, wie er seinem inneren "Tier" ausgesetzt ist und zum Mord getrieben wird – das Irresein als Verunsicherung des Wirklichkeitsbezugs, aber auch als Verlust der Selbstkontrolle, ein antirationalistisches Menschenbild...
zu 2.
Epochenspezifika:
Als typisch expressionistisch sollte sofort die Thematik und die Hauptfigur, der Irre und dessen Irrsein, erkannt werden. Den expressionistischen Literaten ging es bei diesem Motiv und diesem Thema um das Grenzerlebnis des Verrücktseins, ein Grenzerlebnis, das aufzeigt, wie unsicher Wahrnehmung und Wirklichkeit ist, und wie unausrechenbar der Mensch ist. Der Irre wird damit zum Gegenbeweis für eine geordnete, sichere bürgerliche Welt. Gerade die "tierische" Mordlust des Irren zeigt den Menschen in seiner ganzen Irrationalität, dies als Bild gegen den kontrollierten, förmlichen und alle seine Leidenschaften unterdrückenden wilhelminischen Bürger. Aber auch das Motiv der Verlassenheit, der Weltverlorenheit und Desorientierung ist nicht nur psychopathologisch zu verstehen: für Expressionisten spiegelt diese Verfassung des Irren die geistige Situation der Zeit nach der Jahrhundertwende.
Weiter typisch für expressionistische Literatur ist, dass die Erzählung sich vornehmlich "im Bewußtsein" des Irren abspielt. Wo sich die Naturalisten mehr dem Materialismus zuwenden, der die Dominanz der materiellen Umstände über das Bewußtsein der Handelnden postuliert, da betreiben die Expressionisten einen radikal subjektivistischen und irrationalistischen "Idealismus" in der Nachfolge Nietzsches.
Sprachliche Mittel:
Auch an sprachlichen und erzähltechnischen Mitteln läßt sich ersehen, dass es sich hier um expressionistische Literatur handelt: z.B. der beständige Perspektivenwechsel von einem personalen Erzählerbericht zu einer in erlebter Rede abgefassten Innenschau; auch die vielen Reihungen sind typisch; ebenso die Bilder, die dargestellt werden (z.B. anfangs das Feld mit den "dicken Mohnblumen und dem Schierling", Z.5, oder der dicke Direktor mit dem "roten Spitzbart", Z.9, den der Irre gern "unter die Wurstmaschine gezogen",Z.10, hätte, u.a.m.), aber auch die dramatischen Farbgebungen (z.B. "... leuchtete sein Gesicht wie eine purpurne Sonne", Z.57)und der Einbezug eher exotischer Tiere (Hyäne, Z.70ff und Schakal, Z.74) belegen den expressionistischen Kontext.
Figurencharakterisitik:
Über das Äußere des Irren erfährt der Leser nicht sehr viel. Der Irre steht am Anfang der Erzählung mit einem "Bündel mit seinen Sachen"(Z.36) allein vor der Irrenanstalt, aus der er soeben entlassen worden ist (Z.2/3). Nach seinem Herumirren in Wiesen und über Strassen erscheint er ganz wie das Klischee eines gewalttätigen Irren : "auf Händen und Füßen... das wirre Haar in dem dicken Gesicht, weiß von Staub" (Z.74f) Die Fratzenhaftigkeit steigert sich noch:"Seine lange Mähne flog, seine Krallen schlugen in die Luft, und aus seinem Rachen hing seine Zunge heraus." (Z.77f)
Der Irre hatte einmal ein normales Leben in einer Vorstadt mit seiner Frau geführt, das jedoch an seiner – auch von Polizei und Justiz so gesehenen – übermäßigen Aggressivität gegenüber seiner Frau gescheitert war (vgl. Z.27-31).Er fühlte sich zwar zu den Schlägen berechtigt ("Er hatte seine Frau ein paarmal verhauen, das war doch sein gutes Recht, er war doch verheiratet."Z.27f) Die Behörden teilten nicht seine Vorstellung vom Verheiratetsein :Er war danach für mehrere Jahre in eine Irrenanstalt eingewiesen worden. Doch wenn dort, was dem Text nicht zu entnehmen ist, überhaupt Heilungsversuche unternommen worden waren, dann waren diese ohne Erfolg geblieben: Der Irre wird mindestens so aggressiv gestört entlassen, wie er eingewiesen worden war. Oberstes Motiv seines Handelns im Verlauf der gesamten Erzählung ist die Rache , die er an seiner Frau nehmen will ("Und wem hatte er alles zu verdanken? Doch nur seiner Frau. so, und mit der würde er jetzt abrechnen.", Z.32) Aber seine Aggressionen sind viel umfassender. Er wird von Mordphantasien regelrecht überschwemmt, nachdem er die Anstalt verlassen hat : Den Direktor hätte er gerne "unter die Wurstmaschine (in der Fleischerei, in der er während seines Anstaltsaufenthalts gearbeitet hat, rjw) gezogen" (z.10)und dem Assistenzarzt möchte er "nochmal das Gehirn zertreten" (Z.13). Er erinnert die Situation in der Anstalt als eine ungeheuer gewalttätige und es wird klar, dass es sich hierbei um aggressive Projektionen des Irren und nicht um die Wiedergabe der "wirklichen" Zustände handelt, denn als der Irre seine Wahrnehmungen dem Arzt erzählte, hatte der sie ihm "ausgeredet" (Z.23). Der Irre, hier als paranoid dargestellt, wähnt den Arzt "mit unter der Decke" in dem von dem Irren phantasierten Komplott. Deshalb würde er "ihm die Gurgel abreißen" (Z.24). Auffallend ist, welche drastischen Mordsituationen sich der Irre ausmalt und wie er dabei stets derb die anvisierten Opfer beschimpft. Dies alles ist "Bewußtseinstheater" und in erlebter Rede formuliert.
Der Irre scheint ein primitiver ungebildeter Mensch zu sein, der immer wieder den Kontakt mit der Erde, der Natur direkt sucht: Er "wirft" sich im 2.Absatz in ein Feld voller Mohnblumen, "verkriecht sich" darin bis nur noch sein Gesicht daraus hervor schaut. Diese primitive Naturverbundenheit wird an anderer Stelle noch einmal demonstriert, nur dieses Mal gekoppelt mit brutalen Tötungsvorstellungen : "Er verließ die Straße und bog in die Felder ab, mitten hinein in die Halme."(Z.39) ... "Was das für ein Vergnügen war, so in die dicken Halme zu treten...."(Z.39f) Doch der primitive Einklang mit der Natur wird übertönt von seinen aggressiven Tötungsphantasien : das Knacken der Halme wird ihm zum Knacken der Schädel (vgl. Z.46) – und der primitive Wilde, als der der Irre durchaus auch zu sehen ist, wird kontrastiert vom gewaltätigen Verrückten.
Wie schlägt dann die Gewaltphantasie in die Gewalttat um ? Es ist die Scham, die ihn zur Tat treibt (vgl.Z.65, auch später Z.96). Die Scham und die Angst vor der Beschämung läßt ihn handeln: "Und ich lasse mich nicht auslachen, zum Donnerwetter. Eher schlage ich ihr den Schädel ein." (Z.66) Wenn die Angst vor Beschämung sich des Irren bemächtigt, wird er über das, was er aus Angst vorherphantasiert, wütend und die Wut gebiert ein "Tier" in ihm : Er erleidet eine schizoide, schizophrene Persönlichkeitsspaltung und die abgespaltene Scham, die sich in Wut verwandelt hat, verselbständigt sich und wird mörderisch. Der Irre wird auch als Gestalt zum Tier ("auf Händen und Füßen", Z.74), wobei das Tier ja auch etwas Primitives und Ursprüngliches repräsentiert, aber hier das Andere des Primitiven: nicht die "gute Erde", sondern die zerstörerische Wildheit der Hyäne und des Schakals. Der Irre wird zum blutrünstigen reißenden Tier.
Als sein schizophrener Schub zu Ende ist, weiß er nicht, was er getan hat ("Aber pfui, bin ich schmutzig",Z.85) und er hat jede Erinnerung an die Tat, aber vermutlich an vieles andere auch, verloren ("Sein Gedächtnis verlor sich.",Z.87). Nach dem Ausbruch der wilden destruktiven Primitivität kehrt der Irre zurück in den "Schoß" der behütenden Natur: " Er erschien sich wie eine große Blume, die durch die Felder wandert." (Z.88f)
Ein zweites Thema wird durch die Figur des Irren aufgeworfen, ein typisch expressionistisches: der Verlust der Orientierung in der Welt, die "grenzenlose Verlassenheit" als Konsequenz dieser orientierungs- und heimatlosen Verfassung (vgl. das Herumirren des Irren in den Wiesen, dann in den Strassen der Vorstadt, auch der Umstand, dass er beinahe sein Rachebegehren vergißt, vgl. Z. 56, und dann sein "Heimweh", das aber nicht seinem ehemaligen Zuhause gilt, sondern dem Irrenhaus).
Der Wirklichkeitsbezug des Irren:
Was vom personalen Erzählerbericht als Wirklichkeit dargestellt wird, wird in erlebter Rede aus der Innensicht der Irren stets nur verzerrt wahrgenommen, vor allem verzerrt von seinen aggressiven Anwandlungen. Damit werden zwei Wirklichkeitswahrnehmungen in die Erzählung eingebracht : die "objektive" des Erzählerberichts und die "subjektive" der Innensicht des Irren, doch der Wirklichkeitsbezug des Irren ist nicht nur aggressiv verzerrt, sondern auch primitiv und ursprünglich: hinter dem Wahn verbirgt sich eine andere, der "objektiven" Sicht ebenbürtige Sicht der Wirklichkeit, die die geborgene Verbundenheit des Primitiven mit der Natur genauso beinhaltet wie die triebhafte Aggressivität, das wilde Tierische. Einen anderen Aspekt der Wirklichkeitskonstitution zeigt Heym auf, wenn er die "grenzenlose Verlassenheit" des Irren anspricht, die ja nicht nur im Verlust der Heimat, sondern, damit verbunden, auch im Verlust der Orientierung und Orientierungsfähigkeit besteht.
Was von Schülerarbeiten zu erwarten wäre:
Es sollten zentrale expressionistische Themen und Motive erkannt werden (der Irre, Mord, Verlassenheit), auch auffällige sprachliche und erzähltechnische Mittel sollten bei der Charakteristik berücksichtigt werden (z.B. Bewußtseinstheater – erlebte Rede; die Farbigkeiten). Außer einer oberflächlichen Schilderung des Irren und seiner Verhaltensweisen sind auch tiefer gehende Interpretationen seines Verhaltens zu erbringen, wenigstens der Verweis auf psychopathologische Spaltung, aber auch der Verweis auf eine brüchig gewordene Wirklichkeitwahrnehmung.