Der Expressionismus
- künstlerische Bewegung von ca. 1910 - 1920
1895: "Rote Bäume" - Ausstellung in der Wiener Sezession: "Es wird Seelisches gemalt - und nicht die äußere Wirklichkeit." (Hermann Bahr)
- Provokation (der Sinne), Angriff auf ästhetische Stereotype
- Angriff auf bürgerliche Wirklichkeit
- sozialer Utopismus, antizivilisatorischer Impuls
- radikale Abstraktion
- emphatischer Vitalismus (Lebenskult ---> Nietzsche)
Antimimesis - Gegenbewegung gegen den Naturalismus
Sprache ist nicht Erfassung der Objektwelt (wie es der Naturalismus noch geglaubt hatte), sondern Expression der Regungen des Subjekts
Lösung von der als Zwang empfundenen Syntax, Freisetzung eines absoluten Individuums
ökonomisch/gesellschaftliche Bedingungen:
- ökonomische Rationalität der bürgerl. Gesellschaft: Technik, Maschinenwelt, Warenform ---> Zerstörung des Begriffs des Individuums als "Un-teilbares"
- Diskrepanz zw. Anspruch der Politik und ihrer Realisierung, zwischen nationalem Pathos und realen Gegensätzen, zwischen bürgerlicher Fassade und proletarischer Armut
IRRTUM der Expressionisten: Realitätsverlust absolut gesehen und nicht als Ergebnis des historischen Prozesses bzw. als gesellschaftlichen Ausdruck der Wirklichkeit
Orte: Berlin, Münschen, Prag, Wien, Zürich
Erlebnis: moderne Großstadt, 1. Weltkrieg
Träger: junge bürgerliche Schriftsteller, zum Großteil Akademiker, sehr viele sterben in den Schützengräben des Krieges; Organisation in Gruppen (Bohème) und um Zeitschriften
Texte aus dem Umfeld des Expressionismus:
Max Dauthendey
Ultra Violett, 1895
Die Sonne fällt zur Erde. Gellend zerspringt ihr Licht. - Dicht vor dem blauen Tempel rollt sie nieder. Die berstenden Strahlen jagen in den Tempelhain. Das Laub fliegt in braunroten Fetzen, geronnene Blutschlacken, triefende Purpurbrände. Alles rast durch die Bäume. Und die Bäume alle von unten in gequollenem Blut und stockend gründumpf.
Georg Heym
Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit ... Ich hoffe jetzt wenigstens auf einen Krieg ... ich aber, der Mann der Dinge, ich, ein zerrissenes Meer, ich, immer im Sturm, ich, der Spiegel des außen, ebenso wild und chaotisch wie die Welt, ich, leider so geschaffen, daß ich ein ungeheures, begeistertes Publikum brauche, um glücklich zu sein, krank genug, um mir nie selbst genug zu sein, ich wäre mit einem Male gesund, ein Gott, erlöst, wenn ich irgendwo eine Sturmglocke hörte, wennn ich die Menschen herumrennen sähe mit angstzerfetzten Gesichtern ...
Kasimir Edschmid,
Das also müssen wir in uns festhämmern: Die Wirklichkeit ist nicht außer uns, sondern in uns. Der Geist der Menschen und seine Bewegung als Idee, die sich verwirklicht, ist die wirkliche Wirklichkeit. Nur die Idee gehört ganz und gar dem Menschen, alles andere außer uns ist unwirklich und wird erst zur Wirklichkeit, wenn wir kraft der Kraft des Geistes es zur Wirklichkeit machen."
von August Stramm, 1914
Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen
kreisch
peitscht
das Leben
vor
sich
her den keuchen Tod
die Himmel fetzen
blind schlächtert wildum das Entsetzen
Alfred Liechtenstein (1889-1914)
Die nackten Stühle horchen sonderbar
Beängstigend und still, als gäbe es Gefahr.
Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt.
Ein grünes Fräulein sieht of in ein Buch.
Und einer findet bald ein Taschentuch.
Und Stiefel sind ganz gräßlich ausgestreckt.
Aus offnem Munde stöhnt ein alter Mann.
Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an.
Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf.
Auf einem Podium schaukelt sich behend
Ein Leib bei einem ernsten Instrument.
Auf einem Kragen liegt ein blanker Knopf.
Kreischt. Und zerreißt.