Erwartungshorizont 1.SA Deutsch 13e

B.1 G.Benn, Kleine Astern – R.M.Rilke, Morgue ( = Leichenhalle)

Analysieren und interpretieren Sie vergleichend die beiden Gedichte widmen Sie sich dabei auch der unterschiedlichen Thematisierung des Todes in beiden Texten.

Eine kurze Einleitung wäre angebracht. Sie sollte enhalten:

Autor, Titel und Veröffentlichungsjahr, Einordnung der Autoren in die Literaturgeschichte (Benn, hier der frühe Benn, als typischer Vertreter des Expressionismus, Rilke als Vertreter von Symbolismus und Impressionismus, Verweis darauf, dass trotz der Zugehörigkeit der Autoren zu unterschiedlichen Literaturtraditionen diese hier zeitnah die Gedichte veröffentlicht haben).

Formal sind sich die beiden Gedichte näher, als man auf den ersten Blick erkennt: beide verwenden eine eher prosaische Sprache, beide fügen sich nicht in eine vorgegebene strenge Strophenform, doch beide verwenden zur klanglichen Gestaltung Reime. Der Unterschied zwischen den Gedichten besteht dann im wesentlichen darin, dass Benn noch prosaischer formuliert, noch weniger sich an feste Metren und Strophenformen hält, also insgesamt formfreier gestaltet.

Auch was die Sprache betrifft, ist Benn radikaler in der Verwendung von unpoetischer Alltagssprache, und auch was die unmittelbar erkennbare konnotative Ebene anbelangt, so erscheint das Benn-Gedicht oberflächlicher und banaler.

Die Alltäglichkeit und Banalität der Sprache in Benns "Kleine Aster" korrespondiert mit dem dargestellten Bild : In der Pathologie wird eine Leiche, ein ehemaliger Bierfahrer, der "ersoffen"(1) ist (Konnotation zu Bier und damit zu "besoffen" ), seziert. Etwas Alltägliches, Routine. Doch die Routine wird kontrastiert von der an einem solchen Ort nicht erwartbaren "dunkelhelllila Aster"(3). Dem Schicksal dieser Grabblume mit der widersprüchlichen Farbgebung gilt die Aufmerksamkeit des expliziten "Ich" (5), das hier als sezierender Pathologe auftritt (vgl. 5 – 12). Der Tote wird zum bloßen Ort der Handlung, er wird routinemäßig zerschnitten, ohne dass je sich Aufmerksamkeit oder Gefühl ihm als Verstorbenem zuwendet. Der Tote ist eine Leiche, an der "mit einem langen Messer"(7) hantiert wird, der Teile ohne jede innere Beteiligung des "Ich" heraus geschnitten werden ("Zunge und Gaumen herausschnitt", V8) und die wie eine Puppe mit "Holzwolle" (12) aufgefüllt wird. Das Mitgefühl gilt der kleinen Aster – paradoxer oder ironischer Weise, jedenfalls zielt diese verblüffende Anteilnahme an der Pflanze der Verdeutlichung der Gleichgültigkeit gegenüber der Leiche des Bierfahrers.

 

 

An weiteren Besonderheiten könnten noch vertieft untersucht werden:

Als epochentypisch läßt sich herausstellen: Die Aufbrechung der Form. das Szenario (Medizin, Leiche, Pathologie), die unverblümte Sicht auf den Tod, das Gewöhnliche der Leiche, Verfall als thematisches Hintergrundgeräusch.

 

Auch bei Rilke geht es um Leichen, um mehrere im Gegensatz zu der einen bei Benn. Auch diese Leichen werden nicht mit großem Mitgefühl bedacht. "Sie liegen bereit"(I,1) in der "Morgue" (Überschrift), der Leichenhalle, also sie liegen bereit zur öffentlichen Präsentation. Denn das Ausstellen Verstorbenener in Leichenhallen hat ja einen doppelten Zweck, zum einen sollen Scheintote damit die Gelegenheit haben, noch rechtzeitig vor der Beerdigung zu sich zu kommen, zum andern sollen mögliche Gläubiger oder Erben oder sonstwie mit dem Verstorbenen Verbundene und Verwickelte die Gelegenheit erhalten, zu erkennen, um wen es sich hier handelt, damit sie dann bei der Testamentseröffnung rechtzeitig ihre Forderungen geltend können. Doch auf diese offiziellen Zwecke rekuriert Rilke gar nicht, er bezieht das Bemühen um ein passables Erscheinungsbild der Leichen ("herumgewaschen" II,3) auf den "Geschmack der Wärter" und auf die "Gaffenden", die durch das Aussehen der Leichen nicht "angewidert" (III,3) werden sollen. So gibt es in dem Gedicht eine "Außensicht" der Leichen, wobei sie als Objekte des Geschmacks und der unangewiderten Betrachtung von Nicht-Betroffenen (Wärter und Gaffende)konzeptualisiert werden, und eine "Innensicht", deren Subjekt im Gedicht nicht explizit auftaucht (kein explizites lyrisches "Ich" ), doch wird am gesamten Text deutlich, dass er von einem "Redner" aus einer eher distanziert betrachtenden und reflektierenden Position verfasst wird – eine typische Schreibhaltung von Rilke in der Phase der "Dinggedichte", der ja dieses Gedicht auch zuzurechnen ist (Neue Gedichte, 1907). Die "Innensicht" der aufgebahrten Leichen weist über den unbeteiligten Umgang mit den Toten hinaus : Hier wird thematisiert, dass dieses zufällige Miteinander der Leichen in der Morgue eigentlich einer Ergänzung bedarf ("nachträglich eine Handlung zu erfinden..."I,2ff), dass eben befremdend ist, wenn Leichen, die im Leben nichts mit einander verbunden hat, nun im Tod so nah beieinander liegen. Genauso wird die "Kälte" (am plausibesten erscheint mir hier die Kälte der Leichenhalle) angesprochen, auch diese ist etwas, was im Leben unpassend wäre, woran sich Tote erst "gewöhnen" müssen. Und dass die Aufbahrung noch nicht der Abschluss der "Erdenfahrt" dieser Toten ist, wird verdeutlicht, wenn im Text konstatiert wird: "denn das ist alles noch wie ohne Schluss"(I,5). Alle diese Aspekte, die in der ersten Strophe aufgeworfen werden, verweisen auf das "Ungewohnte" und das "Ungewöhnliche" der Situation der Leichen in der Leichenhalle, zum einen ungewöhnlich gemessen an der Situation der vordem Lebenden, dann auch ungewöhnlich und unabgeschlossen gemessen an den üblichen Beerdigungsritualen, die Leichen sind eben noch nicht beerdigt.

Als namenlose Leichen sieht der Betrachter die Aufgebahrten ("Was für ein Name hätte in den Taschen/ sich finden sollen?" II,1f), doch diese Interpretation ist nicht unstrittig. Vielleicht ist anderes damit angesprochen: die Überflüssigkeit des Namens jetzt, als Toter (das würde mit dem Überdruß zusammenpassen, der noch im selben Vers auftaucht), oder die Beziehungslosigkeit zu den Lebenden, denen der nicht zu findende Namen eigen ist, Lebende, mit denen im Leben Verbindung bestand, daher der Zettel mit dem Namen, die Verbindung ist aber jetzt ohne Bedeutung...? Auch der "Überdruß" im gleichen Vers (II,2)der zweiten Strophe deutet auf eine tiefere, aber polyvalent nur erschließbare Sicht auf die Toten hin: Wessen sind sie überdrüssig ? Warum wollte "man"(II,3) den Überdruß abwaschen ? Was bedeutet es, dass der (verdinglichte) Überdruß "nicht abgeht" (II,4)? Schildert Rilke hier nur die auffällig starre Physis von Leichen oder geht es auch um eine Innensicht der Toten, die als Tote des Lebens überdrüssig sind und deshalb allen Bemühungen der Lebenden, ihnen diesen Überdruß zu nehmen, widerstehen ?

Noch deutlicher wird in den letzten beiden Versen der dritten Strophe, dass Rilke in diesem Gedicht zwei völlig verschiedene, ja gegensätzliche Bedeutungsebenen entwickelt: "Die Augen haben hinter ihren Lidern / sich umgewandt und schauen jetzt hinein." (III, 4 u. 5) Es sind die Augen der Toten, die jetzt "nach innen" sehen, außen sehen sie nichts mehr. Die Leichen werden von außen gesehen, als "ordentliche" nicht "anwidernde" Objekte, nach innen sehen jetzt die Verstorbenen, die Toten, denen damit wieder Subjektstatus zukommt, die eben nicht nur Leichen, sondern auch Verstorbene, gestorbenen Menschen sind.

 

 

Vergleich:

Was bei Benn durch den Kontrast von Mitgefühl mit der "kleinen Aster" und routinemäßiger Gleichgültigkeit gegenüber der Bierfahrerleiche als unmenschlicher Umgang mit dem Tod und den toten entlarvt wird, wird bei Rilke auf zwei Ebenen parallel verhandelt : der rein äußerliche Blick der Wärter und Neugierigen auf die Leichen und die Besonderheiten und die inneren Prozesse der Verstorbenen. Beide Gedichte erweisen sich als Werke einer gleichen Zeit in ihrer kühlen und ernüchternden Thematisierung von Leichen und Tod, doch Benns Gedicht ist radikaler, weil er auf keine tröstende Jenseitigkeit verweist, die Rilke ja am Schluß mit dem Blick "hinein" andeutet.