Erwartungshorizont Deutsch

A.1 A.Döblin, Die Tänzerin und der Leib (1910 erstmals erschienen in "Der Sturm" )

1. Formulieren Sie einen informativen Überblick!

2. Charakterisieren und interpretieren Sie die Tänzerin und insbesondere deren Einstellung zu sich selbst !

zu 1.

Autor: Alfred Döblin, einer , wenn nicht der bedeutendste Prosaschrift-steller des Expressionismus; auch der Veröffentlichungsort: die Zeitschrift "Der Sturm" und das Veröffentlichungsjahr, 1910, belegen, dass es sich bei der Erzählung/Novelle "Die Tänzerin und der Leib" um ein Werk des frühen Expressionismus handelt

- knappe Inhaltswiedergabe

Ella, die mit elf Jahren ihre Ausbildung zur Tänzerin begann und mit 18 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen war, erkrankt mit 19 Jahren so schwer, dass sie auf das Drängen ihrer Mutter hin ins Krankenhaus geht. Dort schwankt ihre Stimmung zwischen religiöser Schicksalsergebenheit und fanatisch verzweifeltem Aufbegehren gegen die Krankheit, was schließlich vor den Augen des von ihr selbst herbeigerufenen Doktors im Selbstmord endet.

Es geht um das Problem, inwieweit der menschliche Wille sich den lebendigen Leib unterwerfen kann, anders gesehen könnte man auch davon sprechen, dass es um zwei Grundauffassungen vom menschlichen Leben geht, nämlich um die instrumentelle, "apollinische" (Beherrschung des Lebendigen) und um die "lebendige", "dionysische" ( in der Tradition von Nietzsche, der ja als philosophischer Hauptbezugspunkt der frühen Expressionisten gilt) Auffassung, die ein freies und wildes Entfalten des Lebendigen in allen seinen Schattierungen als menschengemäß propagiert.

zu 2.

Die Aufgabe soll unter Einbezug von Epochenspezifika und sprachlichen Mitteln bearbeitet werden.

Epochenspezifika: Die Personage ist nicht unbedingt epochentypisch für den Expressionismus, allenfalls das Zirkus- und Varietemilieu, dem auch eine Tänzerin angehören könnte, weist in diese Richtung. Typischer ist da schon, dass diese Erzählung beinahe ausschließlich im Bewußtsein der Hauptfigur sich abspielt und zur selben Typik gehört, dass es hier um die Auflösung von ehedem Selbstverständlichen geht: der "Leib" wird abgespalten und zum zunächst beherrschten Instrument und dann zum "Herrscher", dessen Herrschaft sich der von ihm abgespaltene "Wille" nur durch die radikalst mögliche Spaltung von Selbst und Leib entziehen kann: durch den Selbstmord. Auch das Selbstmordmotiv ist typisch für den Expressionismus. Weiterhin sollten zahlreiche "expressionistische" Spracheigentümlichkeiten auffallen: die Neigung der expressionistische Literaten zur Personifikation oder Verdinglichung von Bewußtseinszuständen (z.B. hier "leise Angst" Z. 29 oder "Sie trieb bald in eine dunkle Angst und Haltlosigkeit hinein"), die "o"-Exklamation als pathetischer Betonungsgestus (hier z.B. Z.30, Z.45), elliptische Satzkonstruktionen (hier z.B. Z. 10) und die Partialsierungen , insbesondere die Verselbständigung von Körperteilen (hier z.B. Z. 42), und eng damit verbunden die Verwendung von Metonymien (hier anstatt von den Ärzten ist von den "weißen Mänteln" ,Z. 54, die Rede). Aber auch die durch den Text evozierten Bilder entsprechen Erwartungen, die man mit "Expressionismus" verbindet: Ist die bildhafte Schilderung der Tänzerin nicht die einer Figur, wie sie in Holzschnitten von Munch, Kirchner oder Barlach vorzufinden sein könnte ? Auch das medizinische Umfeld entspricht einer der Vorlieben vor allem der frühen Expressionisten (vgl. Benn). Überdies waren die Schriftsteller in dieser Epoche vom Verfall und vom Sterben in seiner unverblümten Gestaltung fasziniert, was hier ja auch unübersehbar ist. Somit läßt sich die Tänzerin als typische frühexpressionistische Figur auffassen, die vieles exemplifiziert, was die frühen Expressionisten bewegte : das verunsicherte Bewußstein, der neue, direkte und unverblümte Blick auf den Körper, das Zeitgefühl von Verfall und Bedrohung.

Zur Charakteristik der Tänzerin:

Hier wird ein sehr kurzes Leben dargestellt: Mit elf Jahren "zur Tänzerin bestimmt" (Z.1), also fremdbestimmt, dann, nach mühevollem und gründlichem Training, das vornehmlich in der Unterwerfung des "Leibes" unter den "Willen" bestand, zur perfekten Tänzerin herangewachsen, sodass nunmehr der "straffe Leib" (Z.7, vgl Z.92!)dem "seltsamen Temperament" (Z.2) gehorchend "über den üppigsten Tanz Kälte" "sprühte" (Z.8 ). Mit achtzehn Jahren war sie als Tänzerin fertig, sie entsprach dem Klischee der "kleinen, seidenleichten" Baletteuse mit "übergroßen schwarzen Augen" (Z. 10f). Auffällig an ihr ist, was ihr Wesen insgesamt prägt: sie ist "ohne Buhlerei und Musik", die Stimme ist "hell" und "abgehackt", der Gang ist "rasch und ungeduldig": sie ist ein beherrschtes und völlig "liebloses" (Z.12) Wesen. Der Autor baut hier eine strikte Dichotomie auf zwischen dem vollen, "üppigen" (Z.8) Leben und der beherrschten, beherrschenden und abweisenden, ja gehässigen "Kälte" der Tänzerin. Die gesamte Erzählung läßt sich als Entwicklung dieser gegensätzlichen Kräfte verstehen, der junge Lieb der Tänzerin und der Tanz selbst repräsentieren dabei die üppigen Seiten des Lebendigen, das die "kalte" Protagonisten zu beherrschen versucht, was ihr bis zum neunzehnten Lebenjahr auch gelingt, doch dann beginnt ein erneuter Kampf des Lebendigen mit dem kalten auf Beherrschung abzielenden Willen der Tänzerin, nur dass jetzt nicht die üppige Gestalt des Lebens gegen diesen Willen antritt, sondern die "bleiche" (Z. 14) Gestalt des "Siechtums" , der Krankheit und des Verfalls, des "Verderb des Leibes" (Z.72). Im Verlauf dieser Auseinandersetzung zwischen dem auf einen herrschsüchtigen Willen reduzierten Selbst der Tänzerin und dem mit dem Tod drohenden Leib macht die Tänzerin verschiedene Bewußtseinswandlungen durch, schußendlich gewinnen wieder die ursprüngliche Kälte und der alte Hohn (Z.73f) in ihr die Oberhand und besiegen den dem Willen der Tänzerin nicht mehr gehorchenden Leib dennoch auf paradoxe, fatale Art: als einzige Lösung, um ihren Willen gegen den Leib durchzusetzen, bleibt der Tänzerin nur noch der Selbstmord, mit dem sie zugleich ihre Umwelt vor den Kopf stößt und verhöhnt, wie während ihres ganzen kurzen Lebens (zunächst ihre "unbefähigten Kolleginnen", Z.12, dann die Mutter, der sie nur "gehässig" ,Z.24, begegnet und schließlich den sie behandelnden Ärzten, Z.68ff, deren Anstrengungen sie "ironisch" konstatiert,Z.70 ).In der ablehnenden Haltung zu ihrer Umwelt ist auch ein Stück isoliert individualistisches Aufbegehren gegen Autoritäten enthalten, wie dies durchaus typisch für die bürgerfeindliche Einstellung der expressionistischer Literaten war. Interessant in dieser Hinsicht ist an erster Stelle die Entwicklung des Verhältnisses zur Mutter. Mit elf wird sie (vermutlich) von ihr zur Tänzerin "bestimmt", als sie erkrankt, folgt sie dann doch der Mutter und geht ins Krankenhaus, dort stimmt sie dann, als sie von Todesangst übermannt wird, mit der Mutter in deren religiöser Bewältigung des Schicksals (wir sind alle in Gottes Hand) überein, doch als sie sich dann wieder zu gewohnter Willensstärke aufrafft, tritt sie auch gegen die Autorität der Mutter an, wenn sie sich schließlich entleibt. Zugleich verhöhnt sie mit ihrem Selbstmord die Autorität der sie behandelnden Ärzte (die Aufdeckung des Autoritätskonflikts in dieser Erzählung verdanke ich Hinweisen in der Arbeit von Frank B. )

Eine weitere mögliche und sogar medizinisch- diagnostisch valide Interpretation des Verhaltens der Tänzerin besteht darin, sie als magersüchtig zu verstehen ( diesen Gedanken steuerte Birol I. in seiner Arbeit bei). Das i.d.R. mit Sexualverdrängung zusammenhängende Ungenügen am eigenen Körper, das zumeist nur junge Frauen so haben, kann sehr wohl in einen Kampf gegen den eigenen Körper münden und dieser Kampf endet nicht selten mit dem Tod der Magersüchtigen.

Zur Entwicklung der Einstellung der Tänzerin zu ihrem Leib:

Fremdbestimmt wird das elfjährige Mädchen zur Tänzerin ausgebildet. Doch diese Fremdbestimmung (wer sie dazu bestimmt, wird nicht expliziert, aber aufgrund der Rolle, die die Mutter im weiteren Verlauf spielt, ist es plausibel, zu vermuten, dass diese die Entscheidung fällte ) wendet das kleine Mädchen nun gegen sich selbst, genauer gegen ihren Körper, ihren "Leib" – genau zeigt der personale Erzähler auf, mit welchen Methoden die angehende Tänzerin ihren Körper zu beherrschen lernt: Sie übt Zwang aus, um "ihre zu glatten Gelenke" (Z.4) gefügig zu machen; sie übt mit Geduld und Ausdauer (Z.5:"behutsam und geduldig"); sie vergewaltigt ihren Leib stellenweise "habgierig"(Z.6), um ihn auch total zu beherrschen, total und restlos; damit diese Beherrschung auch vorhält, übt sie eine beständige Kontrolle über ihn aus (Z.7 "wachte lauernd" ); die Beherrschung dient einem obersten Prinzip: der "Kälte"(Z.8), der Lebensfeindlichkeit, einer Lebensverweigerung.

Als die Tänzerin mit neunzehn Jahren von einem "bleichen Siechtum" (das deutet auf die Anfang dieses Jahrhunderts epidemisch auftretende Tuberkulose hin) befallen (! auch wieder eine Beherrschung der Tänzerin und ihres Leibes "von außen", wie vordem der Umstand, dass sie zur Tänzerin "bestimmt" wurde) wird, versucht sie weiterhin, die Herrschaft über ihren Leib aufrecht zu erhalten (vgl. Z.14ff).

Doch als sie ihre Niederlage eingestehen muss ( was sie erst als Reaktion auf den Rat ihrer Mutter, sie solle doch ins Krankenhaus gehen, tut), durchläuft sie die typischen Stadien, die viele Jahre nach dem Abfassen dieses Textes (ca. 1970) eine der führenden Expertinnen der Sterbeforschung , R. Kübler-Ross, aufstellte: Vom Verleugnen (Z.14-19), über Wut (Z.27),Ekel (Z.28), zu "leiser Angst" (Z.29),in ein Ohnmachtsgefühl (Z.34ff), das sich zu Todespanik (Z.39-47) steigert. Dann scheint die Tänzerin ihr Schicksal anzunehmen (Z.51f).

Doch diese Aussöhnung gelingt ihr nicht, das Leiden, das zu einer Reintegration von Selbst und Leib geführt hat, wird von "außen", von den "weißen Mänteln" (Z.54) und den "Schwestern" (Z.55) akribisch beobachtet und gepflegt. Hier setzt dann wieder die Dissozierung von Wille/Selbst und Leib ein, auch dieses Mal von "außen" bewirkt:

Wie mit elf Jahren die Tänzerin die Fremdbestimmung zum Training in eine entfremdete Beherrschung ihres Leibes transformierte, so transformiert sie auch im Krankenhaus den entfremdenden Umgang mit ihrem kranken Körper durch Ärzte und Schwestern in eine "verachtende" Abspaltung des unwilligen Fleisches, das wie "ein Stück Aas"(Z. 60f – erlebte Rede ?)"unter ihr liegt": Sie spaltet ihre Schmerzen von sich ab ("um ihre Schmerzen kümmerte sie sich nicht",Z.61),in Selbstgesprächen delegiert sie die Belange des kranken Leibes an die Ärzte (Z.62ff). Durch die erneute Spaltung hat sie ihre Überlegenheit wieder gewonnen, sie – ihr vom Leib abgespaltenes Selbst – empfindet überlegen "lächelndes Mitleid mit diesem dummen kranken Kindchen, das in ihrem Bette lag" (Z.67f). Aber ihre Kälte, das Wesensmerkmal ihres "seltsamen Temperaments" (Z.1), obsiegt in ihrer Einstellung zu ihrem Leib abermals : sie empfindet "Schadenfreude über ... den Verderb des Leibes" (Z.72).

Mit der in Zeile 56 und 57 geschilderten erneuten Spaltung nimmt ihre Entwicklung, die Entwicklung ihrer Einstellung zu ihrem Körper eine mögliche, aber nicht typische Wendung, nicht typisch für Sterbensprozesse: denn häufig laufen diese auf ein ausgesöhntes Abschiednehmen hinaus (vgl. H. Brodsky, Geschichte meines Todes). Die Tänzerin akzeptiert ihre Niederlage nicht, sie möchte weiter dem Lebendigen ihren "kalten" Willen aufzwingen. Idee und Entschluss, wie ihr dies gelingen kann, entstehen, als "Soldaten mit klingender Marschmusik an dem Krankenhaus vorbeizogen" (Z.75f): Man könnte diesen Impuls – ganz im Sinne des Beherrschungsthemas – so interpretieren, dass die Disziplin der Soldaten eben diese Beherrschung des Leibes reflektiert und dass Soldaten aber auch "Krieg" und "Tod" konnotieren, dass also hier bildlich eine Lösung für die Tänzerin auftaucht, nämlich den Leib durch seine Tötung zu disziplinieren.

Was sie von ihrem Leib hält, wird nochmals deutlich in der Stickerei: der Leib ist ein kopf- und armloser unförmiger Torso. Auf der Stickerei taucht aber noch ein anderes Motiv auf: das kleine Mädchen, das dem Bebrillten "eine lange Nase mit der linken Hand" (Z.85f) macht. Hierin symbolisiert sich ihr Hohn, ihre Arroganz und ihre Abweisung anderer Menschen. Was die Stickerei zeigt, ist eine Vorschau auf die spätere Tat: der Tänzerin gelingt hier als Bild schon die Verbindung von linker Hand (Verhöhnung der anderen) und rechter Hand ( Tötung des abgespaltenen eigenen Leibes).

Ihr Wille ist wie befreit durch die in der Stickerei dargestellte Vorstellung und steigert sich zum letzten Mal in den Beherrschungswahn hinein: Um wieder tanzen zu können "wie einstmals, als sie die Kälte über jede Üppigkeit des Tanzes sprühte ( Wiederholung von Z.8! rjw), als ihr straffer Leib (Wiederholung von Z.7) wie eine Flamme geweht hat" (Z. 91f),wird sie ihren Leib "mit einer Bewegung ihres Willens"(Z.94) noch einmal bezwingen. Der Selbstmord ist dann der letzte Sieg des Willens über den widerspenstigen Leib. Daher auch der "kalte, verächtliche Zug um den Mund" (Z.106f), den die Tänzerin noch im Tod hatte : sie, ihr kalter Wille, hat gesiegt.

Aber hat dieser kalte, höhnische Wille wirklich gesiegt ? Die Geschichte endet doch paradox: Mit dem Leib ist auch die Tänzerin, ihr Tanz und ihr Wille tot. Gesiegt hat auch das Lebendige, dessen Üppigkeit die Tänzerin nicht annehmen konnte, die Üppigkeit und "Buhlerei", die sie herrisch unterdrückte und verleugnete, was sie und ihr Wille aber nicht beherrschen können, ist die dunkle Seite des Lebens: Krankheit, Verfall und Tod.

 

Erwartung an Schülerarbeiten

Von Schülern sind natürlich nicht alle oben angeführten Punkte zu erwarten. Als epochenspezifische Auffälligkeiten sollten wenigstens zwei in der Ausarbeitung berücksichtigt werden (z.B. Erzählung als "Bewußtseinstheater", Vorliebe für Verfall, Tod). An sprachlichen Mitteln sollten die Wiederholungen und die Personifikationen und Verdinglichungen von Bewußtseinszuständen erkannt werden und diese Aspekte sollten bei der Charakteristik eingearbeitet werden.

An der Figur der Tänzerin sollten die isoptopen "Gegenspieler "Wille" (als "Kälte") und "Leib" (als "Beherrschtes") und der Grundkonflikt zwischen Wille/Selbst der Tänzerin und Leib, als dem Lebendigen (das als "Üppiges" unterdrückt wird und als Krankes und Verderbendes nur durch den willentlichen Tod "beherrscht" werden kann). Auch sollte das paradoxe Ergebnis der Spaltung von Wille und Leib wenigstens ansatzweise thematisiert werden.