Kurt Heynicke: Ereignis (aus: Der Sturm 7 (1916) )

Ich bin ein sonnenloser Abgrund. Meine Besinnung ist tot. Ich fühle nichts. Ich lese den Brief mit zerbrochenem Blick. Ich verbrenne in Haß und Verzweiflung, Melitta, die mich betrügt. Sie ist eine kalte Flamme. Ein kreischender Ruf im Dunkeln.

Wir sind der Sturm. Ich bin Feuer und Schrei, Hieb und Stich. Ich bin kein Körper, ich habe weder Lunge noch Herz. Die Luft brennt Feuer, Rauch und Schreie. Ich bin eine Welle in dem Meere riesenhaften Lärmes. Und bin Vergessen und nichts.

Der Morgen knistert. Flammen schneiden im Nebel. Das Dorf stirbt. Ich wiege auf der Bahre. Mein Fuß ist tot. Ich weiß nichts. Ich bin ein Traum.

Melitta wächst aus dem Boden ihres hellen Zimmers. Der Mond liegt auf ihrem Leibe und sie ist nackend. Ich zähle jeden Strahl, der sie umgleitet. Ich fiebere und bin ganz still. Aus jedem Strahl kriecht ein häßliches gelbes Spinnentier und alle wachsen um ihren Hals zum Schmuck. Mein Bett ist eine linde Hand, wie meiner Mutter junger Schoß, als ich Kind war. Die Ruhe ist ein Wiegenlied. Ich schlafe in das große Nichts.

Sie ist da. Sie liegt an meinen Lippen und ist Träne. Sie glänzt. Wie hohles Glas. Ich höre ihren Mund und suche ihre Seele. Aber ich finde sie nicht. Ich gehe eine graue Ebene ohne Licht.

Um ihren Hals ringelt ein Schmuck aus goldenen Spinnen, eine Kette, die ich nicht kenne. Und mein Traum ist wach und schreit. Und ich kralle ihren Hals. Und blute in den Schrei. Und sinke abwärts in die Nacht. Ich bin der letzte Schlaf. Ich bin ein Blühen und bin die Hoffnung. Melitta ist tot für meine Seele. Ich schreite in ein neues Leben. Mit seligem Schritte, denn ich bin neu und frei.

Nun bin ich alt. Ein Lächeln in das große Geheimnis, allein zu sein. Die Tannen glänzen. Der Abend fällt. Melitta, du warst die Liebe. Und ich war m dir. Ich bin die Erinnerung. Und das Glück. Denn ich bin alt.