Warum man nicht "lernt"
(R.J.Wolf)
Lernen ist ein Prozess der Verhaltensänderung:
Entweder ist etwas, was vor dem Lernprozess nicht im Repertoire war, danach zur Verfügung (z.B. kann auf die Frage, "Was ist eine Bilanz vor Gewinnverwendung?" geantwortet werden) oder etwas, was im Repertoire war, ist "weg" (z.B. bisher hatte man Angst vor dem Fach Mathematik, jetzt nicht mehr).
Leben ist stets Lernen - ohne dass unser Organismus sich ständig den geänderten Umgebungseinflüssen anpasst oder diese sich einpasst (Assimilation und Akkomodation) , können wir nicht überleben. D.h. unser Organismus ist immer wieder zum Lernen gezwungen oder besser noch: Leben ist lernen.
Wir können also gar nicht "nicht lernen".
Doch für die Schule scheint dieses Lebensprinzip nicht zu gelten. Oder ?
In der Schule heißt "lernen" eben nicht Auseinandersetzung mit einer sich wandelnden Umwelt, Schule ist insofern"unlebendig" als die Lerninhalte, mit denen sich der Schüler beschäftigen soll, nicht praktisch und real sind. Überdies bestehen während seines Schülerdaseins für den Schüler nur geringe Möglichkeiten der "Wechselwirkung" mit der Institution Schule. Aktive und innovative Gestaltung (Akkomodation - Veränderung der Umwelt durch das Lebewesen, Piaget) wird i.d.R. ausgeschlossen, bleibt nur mehr die "Assimilation", die eher "passive" Anpassung. Dennoch lebt man auch in de Schule, nur dass dieser Rahmen, gerade wegen seiner "Unlebendigkeit", häufig dazu führt, dass der Schüler sich auf für seinen schulischen Erfolg hinderliche Verhaltensweisen fixiert. Wie kommt es zu solch einer "Fehlan-passung" ?
Drei Ursachenkompexe scheinen mir hier von Bedeutung:
zu 1. Jeder ist begabt. Klar. Nur jeder auf seine Weise. Und die Begabungen können mit schulischen Anforderungen kollidieren oder jedenfalls mehr oder weniger diesen genügen. Vor allem kognitiver Stil und Temperament spielen für den Schulerfolg eine große Rolle.
zu 2. Jeder ist Kind seiner Zeit und seiner Umgebung. Wenn Lesen "out" ist und man selbst "in" sein will auch dies eine kulturell-familiale Prägung dann läuft die buchstabenüberfrachtete Schule an einem ziemlich vorbei. Aber auch nationale und religiöse Kulturen erschweren oder erleichtern den Schulerfolg.
Zu 3. Hier sind wir im Zentrum des Schulmisserfolgs: Dieser ist häufig Reaktion auf oder Umgangsweise mit familiär bestimmten Problemen. Sich verweigern, als Problemschüler im Familienzentrum stehen usw. Aber Schulmisserfolg ist auch im System "Familie-Schule" zu sehen. Was bedeutet Schule für die Familie und umgekehrt und was macht der Schüler aus dieser Lage /in dieser Lage für sich daraus ?
"Nicht lernen" tut auch der nicht, der in der Schule Misserfolg erfährt. Er lernt beispielweise diesen zu erzeugen und mit diesem umzugehen etc. Oder man lernt einfach in der Schule etwas ganz anderes als das Prüfungswissen und das richtige Prüfungsverhalten : man lernt "sich durchwursteln" und Gelegenheiten ausnützen (wozu auch immer). Neben dem "geheimen Lehrplan" der Schule (Pünkt-lichkeit, So-tun-als-ob- es-einen-interessiert, richtiges Spicken etc.) gibt es auch den geheimen Lernplan des Schülers, der Resultat aller drei Einflussfaktorenbereiche ist.
Warum man nicht "lernt" (schulisch gesprochen) ? Überprüfen Sie, wenn nötig, es einmal bei sich selbst:
Bin ich von Haus aus für diese Schule zu "blöd" (Begabung) oder nur mangelhaft vorgebildet ? Aber was heißt hier "nur" ? Mangelhafte Vorbildung ist der Garant für dauerhaften Schulfrust.
Bin ich eventuell einfach kein Schultyp ? kein Wissensmensch ? dann sollte ich woanders nach Erfolg suchen...
Passen meine Ziele und mein Stil (Lebensauffassung) nicht zur Schule ? Warum sollte ich mich dann weiter auf ihr herumquälen ? Oder: Wie kann ich mich trotz "eingeborener" Fremdheit zu schulischem Lernen und zum Schulwissen so weit dort einrichten, dass ich den Schulerfolg habe, den ich für meine Zukunft glaube zu brauchen ?
Oder : Bin ich noch zu stark an meine Familie gebunden oder von ihr gebunden ? Immer noch gegen Mama und Papa kämpfen müssen, heißt häufig in der Schule gegen sich selbst verlieren ... Oder gegen die Lehrer als Ersatzgegner (diese repräsentieren den Zwang zur Anpassung, das "Schweinesystem" etc.) angehen müssen ....
Schlimmsten Falls bin ich zu dumm, zu daneben und auch noch familiär verstrickt ... Aber gerade dann könnte die BOS mein Ausweg sein. Besser noch : mein Weg nach vorn.
Denn
ganz so blöd kann ich doch gar nicht sein, immerhin hab ich einen Mittleren Abschluss (es gibt Blödere).
Denn
ganz so daneben bin ich vielleicht doch nicht, immerhin hab ich es auf die Reihe gebracht, auf diese Schule zu gehen und noch nicht verhungert zu sein (wenn das aber ins Haus steht, dann ...?).
Denn
ganz so verwickelt und neurotisch bin ich wohl auch nicht, sonst würde ich mich nicht aufs unsichere Feld der BOS wagen...
BOS als der Weg, der das Ziel ist, das der Weg ist, der das Ziel ist ....
Wartenberg, 5.10.99